9.

Als der Bischof in seine Gemächer zurückgekehrt und der Saal leer war, trat – leichenblass – der Novize aus seiner Nische hinter der Säule hervor. Das soeben Mitangehörte ließ dem jungen Mann das Blut in den Adern gefrieren. Mit zitternden Händen räumte er Geschirr und Essensreste zusammen, als er auf einmal in der Mitte des Tisches die Goldmünze liegen sah!

Der Novize zögerte. Durch eines der hohen Fenster fiel ein Sonnenstrahl, wie ein Pfeil, auf das Gold und ließ es aufleuchten. Und da wusste der junge Mann, was er zu tun hatte. Schnell griff er die Münze und eilte aus dem Saal.
Er lief in seine Kammer, warf das Ordenskleid ab und streifte seine weltlichen Gewänder über. Ihm war, als würde er sich in seinen eigenen Zwilling verwandeln. Ohne weiter nachzudenken, verließ er seine Kammer, eilte in die Küche und packte etwas Brot, einige Äpfel, einen Käse und ein Stück Speck in sein Bündel. Dann lief er rasch über den leeren Klosterhof. Aus dem Tor konnte er nicht hinaus, das war groß und schwer und knarrte laut in den Angeln. Also nahm er den Weg durch den Garten. Die meisten Bewohner des Bischofspalastes befanden sich jetzt im Chor der Kirche und beteten die Non.

Der Novize, der jetzt keiner mehr war, huschte zwischen verwelkten Kräutern und leeren Bohnenstangen hindurch, sprang über die Mauer, lief weiter und verschwand zwischen einigen Büschen am Wegrand.

Er hastete noch eine ganze Weile durchs Unterholz, bis er an einen sonnenbeschienenen Felsen kam. Dort wollte er kurz ausruhen. Er lehnte sich an den Stein und wartete, dass er wieder zu Atem kam. Sein Herz schlug schnell und jetzt stellte sich auch die Furcht ein. Es war kein Verbrechen, ein Noviziat zu verlassen, aber eine Goldmünze zu stehlen schon. In was für eine fürchterliche Lage hatte er sich gebracht?

Aber sein Herz sprach eine klare Sprache. Es konnte nicht sein, dass ein unschuldiges Mädchen hingerichtet würde. Er musste irgendetwas dagegen unternehmen, aber einen Plan hatte er noch nicht. Zuerst einmal musste er alles über die Situation herausfinden.

Und so wanderte er zur Stadt. Schon von weitem sah er die hohe Mauer mit dem Stadttor zur Rechten und dem Wehrturm zur Linken. Und oben auf dem Felsen thronte die Burg mit ihren bunten Fahnen. Die Dämmerung kündigte sich schon an, als er die Brücke über dem Stadtgraben überquerte und durch das große Tor schritt.

Der Tuchhändler hatte erzählt, dass sich der Kerker in einem Turm befände. Außer auf der Burg gab es in der Stadt nur einen Turm, den Wehrturm in der Stadtmauer. Und der war leicht zu finden. Er musste einfach nur hinter dem Tor links dem untersten Stadtring folgen. Es war fast dunkel, da erblickte der abtrünnige Novize die dicken Eisenstäbe, die das Kerkerfenster auf dem Boden der Gasse versperrten.

Heimlich blickte er sich um, schlenderte scheinbar ziellos hierhin und dorthin, bis es still wurde und niemand mehr auf der Gasse zu sehen war. Dann lief er rasch zum Gitter, kniete sich hin und spähte ins Innere.
Es war stockdunkel da unten - und es stank!

„Psssst!“ flüsterte er. „Ist da jemand?“

„Hallo?“ eine heisere Mädchenstimme antwortete ihm.

„Bist du die Korbmacherin?“

„Ja! Kannst du mir helfen? Bitte! Ich bin unschuldig!“ Zwei bleiche, schmutzige Hände tauchten aus der Finsternis auf und umklammerten die Eisenstäbe. Der junge Mann zitterte vor Aufregung.

„Ich weiß, dass du nichts getan hast. Und ich werde versuchen, dir zu helfen. Aber ich weiß noch nicht wie.“

Er hörte ein unterdrücktes Schluchzen aus der Tiefe und sein Herz wurde von Mitleid erfüllt.

„Hast du Hunger?“ fragte er.

„Ja“, antwortete die Gefangene und er schob ihr alles, was er an Essen in der Klosterküche eingepackt hatte, durch das Gitter. Er hörte, wie das Mädchen gierig in einen Apfel biss.

„Teile dir das Essen ein. Du wirst sicherlich noch einige Zeit eingesperrt bleiben. Warte, ich gebe dir noch meinen Mantel.“ Schnell zog er seinen wollenen Überwurf aus und stopfte auch ihn durch das Gitter.

„Wer bist du?“ fragte die Stimme aus dem Kerker. „Warum tust du das alles für mich?“

Der junge Mann wusste nicht, was er antworten sollte.

„Hör zu“, sagte er stattdessen. „Ich werde morgen wiederkommen. Bis dahin werde ich mir überlegen, wie ich dir helfen kann.“

„Ich danke dir von Herzen“, sagte das Mädchen und ihre Hand streckte sich durch das Gitter. Der junge Mann ergriff sie und hielt die kleine kalte Hand, als wäre sie ein kostbares Kleinod.

„Wie heißt du?“ fragte er in das Dunkel.

„Ich heiße Anna, und du?“

„Ich heiße Magnus!“

Sie schwiegen eine Weile und hielten sich an den Händen. Dann hörten sie Schritte auf der Gasse.

„Ich muss gehen, Anna! Ich komme morgen wieder!“ Rasch drückte er ihre Hand, ließ sie los und huschte wie ein Schatten unter dem Turm davon.

Er lief durch die dunklen Straßen den Berg hinauf und hielt Ausschau nach einem Wirtshaus. Außer dem gestohlenen Goldstück besaß er nur noch einige wenige Heller. Aber für Essen und ein Nachtlager sollte es für ein paar Tage reichen.

Bald schon sah er die Lichter einer Wirtschaft und hörte Stimmengewirr. Er trat in einen verrauchten Schankraum, der von einigen Laternen erleuchtet war. An der Theke ließ er sich einen Krug Bier und einen Teller mit Eintopf geben und nahm beides mit an einen freien Tisch in einer dunklen Ecke. So lange er keinen Plan hatte, suchte er keine Gesellschaft.

Während er aß und trank, lauschte Magnus den Gesprächen im Gastraum. Die Leute klagten und jammerten, verfluchten den Stadtherrn und hier und da hörte man auch Spekulationen um die Schuld oder Unschuld der Korbflechterin.

„Was uns dieser Schinder übriglässt, ist zu wenig zum Leben und zu viel zum Sterben!“

„Es ist schon wieder einer in der Schmiedegasse gestorben. Der Tod geht um, ich sage Euch, der Tod geht um!“

„Daran ist diese Hexe im Turm schuld.“

„Ach, red‘ nicht, Huter. Der Schinder oben auf der Burg hat schon sein Unwesen getrieben, bevor das Kind überhaupt in die Stadt kam! Die Leute sterben, weil sie nicht genug zu beißen haben.“

„Und wieso hat die Korbflechterin nicht gehungert? Das möchte ich mal wissen.“

„Ja, das möchten wir wissen!“

„Sie hat ihre Waren auf dem Burgmarkt verkauft. Da gibt es gute Preise!“

„Ach, und warum darf ich meine Kienspäne nicht auf dem Burgmarkt verkaufen?“

„Weil du ein stinkender Saufbold bist, Lampenmacher!“

Die Gespräche gingen im allgemeinen Gelächter unter. Ein Spielmann begann seine Laute zu schlagen und sang ein Spottlied auf die Reichen und Mächtigen.

Magnus hatte genug gehört, ließ sich von der Wirtin seinen Kammerschlüssel geben und ging über eine schmale Stiege hinauf in sein Nachtlager. Viel mehr als einen Strohsack gab es nicht, aber immerhin konnte er die Tür schließen.

Im Morgengrauen stand Magnus auf und lief wieder zum Turm. Und er besuchte er die Gefangene drei Tage lang jeden Morgen und jeden Abend im Zwielicht, wenn die Gassen leer waren. Und so erfuhr er in langen, geflüsterten Gesprächen, dass Anna im Kloster aufgewachsen war und wie es zu ihrem Marktstand im Burghof gekommen war.

Und jeden Abend setzte er sich in den Gastraum und hörte dem Gerede der Leute zu. Er hörte in der Wirtschaft außerdem noch allerlei Interessantes über die Vorgänge in der Stadt.

Der Unmut des Stadtvolkes war kurz vor dem Überbrodeln. Es fehlte nur einer, der den Leuten sagte, was sie für einen Aufstand tun mussten. Und dann hörte er eines Abends einen Satz, auf den er gewartet hatte:

„Ritter Lukas von Rossen hat noch eine Rechnung mit dem Burgherrn offen. Es heißt, dass er auf den Seiten der Aufrührer ist. Es fehlt ihm allein an Geld, um einen Aufstand anzuführen!“

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