8.

Die Sonne stand schon hoch am Himmel, als der Tuchhändler nach stundenlanger Reise auf das Portal des Bischofssitzes zuritt. Ein Diener öffnete ihm und führte ihn in den Innenhof. Es war nicht der erste Besuch des Tuchhändlers beim Bischof. Die Kaufleute und Kleriker der Stadt pflegten gute Beziehungen.

Er reichte dem Diener die Zügel seines Pferdes und ließ sich beim Bischof anmelden.

Kurz darauf wurde er in einen prachtvollen Saal mit wunderbaren Bodenmosaiken geführt. An den Wänden leuchteten Fresken. Eine fiel ihm besonders auf: Ein Stier mit einem Menschengesicht, der in einem Buch blätterte. Aber bald wurde der Tuchhändler in seinen Betrachtungen gestört, denn der Bischof schritt ihm mit offenen Armen entgegen.

„Was für eine schöne Überraschung! Tretet näher, mein Freund, Ihr kommt gerade recht für ein Mittagsmahl!“

Auf einem Tisch am Ende des Saales standen gebratene Tauben, kandierte exotische Früchte, Käse und Brot bereit und die beiden Männer ließen sich nieder.

„Schenkt ein, Junge!“ rief der Bischof und ein Novize, der hinter einer Säule gewartet hatte, trat hervor und füllte ihre Becher mit gewürztem Wein. Als er sah, dass den Herren der Wein recht war, trat er wieder lautlos in seine Nische um auf weitere Wünsche zu warten.

„Was führt Euch zu mir?“ fragte der Bischof wohlgelaunt und tunkte ein Stück Brot in den duftenden Bratensaft.

„Nun“ begann der Tuchhändler, „in der Stadt steht es nicht zum Besten. Das Volk ist aufgebracht.“ Er erzählte von den Missständen, dem Hunger und den Krankheiten.

Der Bischof hörte kauend zu. Als der Tuchhändler eine Pause machte, lehnte er sich zurück, lutschte Fett von seinen Fingerspitzen und wischte einige Krümel von seinem Gewand. Dann sagte er:

„Dem Volk muss mehr Gottesfurcht und Demut beigebracht werden. Das irdische Leben ist voller Lasten und Entbehrungen, so hat es Gott gewollt. Einen Platz im Paradies muss man sich durch geduldiges Leiden verdienen.“

„Ich fürchte“, wandte der Tuchhändler ein, „dass es das Volk mit dem Gottesglauben nicht besonders ernst nimmt. Tatsächlich fürchten wir Aufstände. Es braucht nur einen einzigen zündenden Funken und der Pöbel erhebt sich.“

Und dann erzählte er von der prekären Lage der Korbmacherin, den Ränken Baders und der Gefahr, dass sich an dem Prozess gegen das Waisenmädchen die Wut der Massen entzünden könnte. Von seiner Tochter Sibylla sprach der Tuchhändler wohlweislich kein Wort.

„Und was soll ich dabei machen?“ fragte der Bischof. „Ihr seid doch gewiss nicht nur deshalb hergekommen, um mir Bericht zu erstatten.“

Der Tuchhändler trank von seinem Wein um ein wenig Zeit zu gewinnen. Dann räusperte er sich und zog die Münze aus seiner Tasche.

„Bischof, ich will Euch diese Münze hier geben, um etwas von Euch zu erbitten, wovon niemand erfahren darf.“

Dem Bischof gingen die Augen über. Er hatte eine besondere Vorliebe für Goldschätze und eine so kostbare Münze hatte er noch nie gesehen. Er nahm sie in die Hand und drehte und wendete sie voller Wohlgefallen.

„Es muss eine große Bitte sein, wenn Ihr mir einen solchen Schatz dafür gebt!“

„Glaubt mir, ich tue es für den Frieden in unseren Mauern“, antwortete der Tuchhändler. Und dann fuhr er fort:

„Die ganze Stadt weiß von dem eingekerkerten Mädchen. Die Leute machen sie zum Symbol ihrer Begehren. Egal, wie der Prozess um sie ausgeht, es wird Unmut und Aufstände geben. Deshalb darf es erst gar nicht zum Prozess kommen.“

Der Tuchhändler machte eine Pause und trank noch einen Schluck Wein, derweil der Bischof mit der Münze spielte und sein Gegenüber erwartungsvoll ansah.

„Ihr werdet ja Abgesandte zu der Gefangenen senden, um zu prüfen, ob sie gottesfürchtig und eine Christin ist.“

Der Bischof nickte. Das war das übliche Verfahren bei allen Verbrechern.  

„Es wäre sehr hilfreich, wenn die Abgesandten bei ihrem Eintreten in den Kerker feststellen, dass das Mädchen leider schon gestorben ist. Es grassieren Krankheiten in der Stadt. Ständig sterben Leute.“

„Ihr meint, meine Abgesandten sollen das Mädchen umbringen und behaupten, sie wäre schon tot gewesen, damit es zu keinem öffentlichen Prozess kommt?“

Der Tuchhändler schwitzte. „Ja, Eure Exzellenz, Ihr könntet vielleicht einen Teil des Wertes der Goldmünze dazu verwenden, diese Männer für ihren geheimen Auftrag zu entlohnen. Ihr würdet der ganzen Stadt damit einen Dienst erweisen. Wir müssen ein Leben opfern, um den Frieden in der Stadt zu wahren und womöglich weitere Leben zu verschonen.“

Der Bischof verzog keine Miene und drehte weiter die Goldmünze zwischen seinen Fingerspitzen.

„Nein, wir werden es anders machen“, sagte er schließlich und legte die Münze vor sich hin. „Wir werden“, und damit schob er das Goldstück mit dem Zeigefinger in die Mitte des Tisches. „Wir werden an der Korbmacherin ein Exempel statuieren, das den Pöbel das Fürchten lehrt!“

Der Tuchhändler erstarrte, als der Bischof fortfuhr.

„Der Frieden in der Stadt ist nur zu wahren, wenn das Volk daran erinnert wird, dass jeder, der Gehorsam und Demut verweigert, mit drastischen Strafen zu rechnen hat. Die Korbflechterin wird wegen Diebstahl, Aufruhr und Ketzerei verurteilt werden. Und das Urteil wird öffentlich vollstreckt. Wenn die Delinquentin nur genügend leidet, wird das Volk zur Vernunft kommen! Und wer einem Spektakel zuschaut, hat keine Zeit für Aufstände.“

„Aber das Mädchen hat nichts von alledem getan!“ wandte der Tuchmacher ein. „Wahrscheinlich hat sie noch nicht einmal Brot gestohlen, wie behauptet wird. Sie ist vollkommen unschuldig!“


„Nun werdet nicht sentimental, mein lieber Freund!“ entgegnete der Bischof. „Unschuld! Eben habt Ihr mich noch gebeten, sie zu ermorden! Wollt Ihr Eure Stadt der vermeintlichen Unschuld einer nichtswürdigen Waise opfern? Ihr habt mich um Hilfe gebeten und Ihr werdet sie bekommen. Glaubt mir, mein Freund, so ist es das Beste.“

Und der Bischof erhob sich zum Zeichen, dass die Audienz beendet sei.

Der Tuchhändler verbeugte sich wortlos und kehrte zurück zu seinem Pferd. Was sollte er seiner Frau und seiner Tochter sagen?

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