7.

Noch am selben Tag machte sich Sibyllas Mutter auf in das Kontor ihres Gatten. Sie fand den Tuchhändler an seinem Stehpult am Fenster vor, wo er sich in sein Geschäftsbuch vertieft hatte.

Das Kontor hatte hohe, helle Fenster. In der Mitte stand ein mächtiger Tisch aus Eichenholz und die breite Wand schmückte ein gewirkter Behang, der einen großen Widder auf einem Berg zeigte. Im Kamin brannte ein Feuer, davor stand ein einzelner Sessel mit einer hohen Lehne.

Der Tuchhändler blickte erstaunt auf, als seine Gattin eintrat. Sie suchte ihn nur selten in seinen Geschäftsräumen auf. Es musste etwas Besonderes vorgefallen sein.

„Was führt dich her?“ fragte er und rückte einen Stuhl an dem Eichentisch zurecht, dass sie sich setzen möge. „Soll ich dir einen Becher Wein kommen lassen?“

Aber Sibyllas Mutter winkte ab. Wortlos nahm sie die Goldmünze aus ihrer Tasche und legte sie auf den Tisch. Die Münze machte ein helles Geräusch und blinkte in dem einfallenden Licht der Fenster.

„Oh!“ Ihr Gatte war sichtlich beeindruckt, nahm das Goldstück auf und betrachtete es eingehend. „Was für eine außergewöhnliche Münze! Sie ist ganz sicher aus purem Gold! Ein Vermögen! Wo hast du sie her?“

„Unsere Tochter hat sie gebracht. Sie wiederum hat sie vom Bader. Der hat ihr die Münze gegeben, damit sie ihn nicht wegen der Waren der eingekerkerten Korbmacherin anklagt.“

„Was ist das für eine wilde Geschichte?“ Der Tuchhändler runzelte die Stirn und sah seine Frau fragend an. Und da erzählte sie ihm alles, was Sibylla ihr von ihrem Besuch beim Bader berichtet hatte.

„Ach, dieses dumme Kind!“ rief ihr Mann aus. „Warum muss sie sich in solche Angelegenheiten mischen?“  

„Sie hat Mitleid und will gerecht sein“, versuchte Sibyllas Mutter ihn zu beschwichtigen.

„Mitleid! Gerechtigkeit! Hast du ihr so etwas beigebracht? Sie bringt uns in Schwierigkeiten!“

Der Tuchhändler schritt erbost auf und ab. Seine Frau blieb ruhig. Sie kannte ihren Mann.

„Sibylla meint, ob wir nicht die Goldmünze dazu nutzen könnten, dieses Mädchen aus dem Kerker zu befreien.“

Der Tuchhändler fuhr herum und schaute seine Gattin wütend an. „Das sind Ideen einer dummen, kleinen Gans, die nicht weiß, wie es in der Welt zugeht! Was denkt ihr Weiber euch? Dass ich hingehe und eine unbedeutende Verbrecherin mit Gold freikaufe? Soll ich meinen Ruf verlieren? Mich lächerlich machen? Oder mich gar selbst in Verdacht bringen?“

„Nun, deshalb bin ich ja hergekommen“, antwortete seine Frau. „Weil du als Weltmann sicher am besten weißt, wie wir unser Kind wieder aus dieser prekären Situation hinausführen, in die es sich durch Unerfahrenheit und ihr gutes Herz hineingebracht hat.“

Diese schmeichelnden Worte verfehlten ihre Wirkung nicht. Der Tuchhändler begann nachzudenken.

„Das eigentliche Problem ist dieser Bader!“ sprach er mehr zu sich selbst. „Er könnte einen Hass auf die Korbmacherin anheizen. Die Stimmung in der Stadt ist gerade bereit für einen, der durch Hetzreden das Volk aufwiegelt.“

Jetzt wandte er sich wieder seiner Gattin zu. „Es gibt Unruhen. Der Stadtherr hat dem Volk jahrelang alles abgepresst, was es hatte. Niemand will mehr arbeiten, weil er fast seinen gesamten Lohn oder seine Ernte an die Burg abtreten muss. Die Menschen hungern, frieren und werden krank. Ein einziger zündender Funke und der Pöbel gerät außer Kontrolle.“

„Um Gottes willen!“ Sibyllas Mutter erkannte das Ausmaß dessen, was ihre Tochter womöglich in Bewegung gebracht hatte.

„Und dieses Waisenmädchen“, fuhr ihr Gatte fort, „gerät zwischen Hammer und Amboss. Für das gemeine Volk ist sie einerseits ein Emporkömmling, der sich in die Kreise der feinen Leute eingeschlichen hat. Sie wird allein schon deshalb gehasst, weil sie ein Auskommen hatte. Auf der anderen Seite gilt sie als Heldin und Opfer der Ungerechtigkeit und Unterdrückung. Den Edelleuten ist sie ein Dorn im Auge, weil sie trotz aller Steuern und Repressalien nicht in Armut lebt. Solches Volk will der Stadtherr nicht. Leute, denen es zu gut geht, sind schlechte Untertanen.“

„Und so wird sich ein schwelender Konflikt schließlich an einem unbedarften, braven Mädchen entzünden“, konstatierte Sibyllas Mutter und ihr Gatte nickte.

„Was können wir tun, um das zu verhindern?“

„Lass mich nachdenken, Frau. Mir wird etwas einfallen.“

Und so nahm der Tuchhändler die Münze an sich und schickte seine Gattin zurück nach Hause.

Er ließ sich einen Krug Wein bringen und legte einige Holzscheite in den Kamin. Dann setzte er sich in den großen Sessel am Feuer und begann nachzudenken.

Es musste eine Lösung gefunden werden, die seine Familie und sein Geschäft schützte. Wenn das unterdrückte Volk in Wallung geriet, würde es womöglich Übergriffe auf die Wohlhabenden und Plünderungsversuche geben. Schon lange waren alle einflussreichen Bürger Stadt in Sorge um eine solche Entwicklung. Handelswaren konnten außerhalb der Stadtmauern nur noch unter schwerer Bewachung auf Reisen geschickt werden. Der Stadtherr aber war gegenüber allen Warnungen uneinsichtig und verwies auf seine Büttel, die gut bewaffnet waren und notfalls mit Gewalt für Ordnung sorgen würden.

Der Abend dämmerte und noch immer war dem Tuchhändler keine Lösung eingefallen.

Wie er es auch drehte und wendete – ein Opfer musste in Kauf genommen werden, um das Volk ruhig zu halten und Schlimmeres zu verhindern. Es galt, dem Bader zuvorzukommen und ihm den Wind aus den Segeln zu nehmen. Das war die einzige Möglichkeit.

Erst spät in der Nacht erhob sich der Tuchhändler aus seinem Sessel. Er würde morgen eine Reise unternehmen.

 

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