6.

Sibylla, die Tochter des Tuchhändlers, lief eilig nach Hause. Hinter dem großen, aus Sandsteinblöcken gebauten Haus unweit der Burg befand sich ein schöner, ummauerter Garten. Dort traf sie, wie erwartet, ihre Mutter an.

Der Garten war ein Kleinod über der lauten und schmutzigen Stadt. Viele Kräuter und Gemüse wuchsen hier. Es gab Beerenobst und Äpfel, aber auch wunderschöne Blumen. Sibyllas Mutter war die Herrscherin über diesen Garten und verbrachte hier täglich viele Stunden. Zwar war die Familie reich genug, sich jederzeit weißes Brot, Fleisch und Käse zu kaufen, aber die Mutter sagte, dass der Mensch seine Gesundheit von Gemüse und Kräutern erhalte und achtete streng darauf, dass alle, die zum Haus gehörten, davon aßen.

Jetzt gerade war sie dabei, im Freien, an einem roh gezimmerten Tisch Zwiebeln zu Zöpfen zu flechten, um sie für den Winter zu trocknen.

„Mutter, ich muss Euch etwas erzählen“, rief Sibylla schon von der Gartentür aus.

„Nun komm erst einmal her“, sagte die Mutter freundlich, „und setz‘ dich hier an den Tisch. Ich kann deine Hilfe gut brauchen, deine Augen sind besser als meine. Ich halte den Zopf und du bindest den Faden um das Ende.“

Sibylla wusste, dass die Mutter auf ihrer Hilfe bestehen würde. Deshalb nahm sie gehorsam den Faden auf und während sie geschickt einen Zopf nach dem anderen zusammenband, begann sie von ihrem Besuch beim Bader zu erzählen.

„Was mischst du dich in diese Angelegenheit ein?“ fragte die Mutter.

Jeder in der Stadt wusste von dem Waisenmädchen im Kerker. Die Geschichte hatte sich rasch herumgesprochen. Dabei kannte kaum irgendjemand die wahren Gründe des Geschehens und es wurden viele Versionen von mehr oder weniger erfundenen Geschichten erzählt.

„Mutter, Ihr wisst, dass wir oft auf dem Markt bei dem Mädchen gekauft haben. Glaubt Ihr wirklich, sie könnte eine Verbrecherin sein?“

Die Mutter wiegte ihren Kopf hin und her. „Sie ist nur ein Kind, das zu früh für sich sorgen musste,“ sagte sie dann seufzend. „Warum auch immer sie eingekerkert wurde, sie hat sicherlich aus Not und nicht aus bösem Willen gehandelt.“

„Ich glaube, sie hat gar nichts getan, denn ich war an diesem Tag auf dem Markt. Sie stand einfach nur hinter ihren Waren als die Büttel kamen. Und wenn schon“, fuhr Sibylla aufgebracht fort, „dieser Bader hatte kein Recht, ihr einfach die Körbe zu stehlen. Wenn sie wieder freikommt, dann muss sie doch ihre Geschäfte weiterführen.“

Da ließ die Mutter ihre Hände ruhen und schaute Sibylla traurig an.

„Ach, mein Mädchen“, seufzte sie, „ich glaube nicht, dass die Kleine wieder freikommt. Und wenn, dann wird sie kaum mehr in der Lage sein, für ihren Lebensunterhalt zu sorgen.“

Erschrocken blickte Sibylla auf.

„Weißt du, die Gesetze sind streng“, erklärte die Mutter. „Niemand wird für das Mädchen sprechen. Sicherlich hat sie den Unwillen irgendeines freien Bürgers auf sich gezogen, sonst wäre gar nicht so viel Aufhebens um sie gemacht worden. Und natürlich kann das Recht nicht gegen einen einflussreichen Mann und für ein mittelloses Waisenkind entscheiden.“

„Ihr meint, selbst wenn sie sich nichts hat zuschulden kommen lassen, wird sie bestraft werden?“

„Ich fürchte ja, mein Kind!“ Tröstend legte die Mutter ihre Hand auf die ihrer Tochter. „So ist das Leben. Das musst du lernen. Sei dankbar, dass du reich geboren bist.“

„Das muss ich lernen?!“ Sibylla sprang aufgebracht auf. „Ihr meint ich muss dabei zusehen, wie einem unschuldigen Mädchen Unrecht getan wird?“

„Ach, Sibylla, deine aufbrausende Art wird dir eines Tages noch Schwierigkeiten bereiten.“

„Aber Mutter! Seid Ihr denn nicht auch erzürnt?“

Wieder wiegte die Mutter den Kopf hin und her ohne zu antworten.

„Ich habe noch nicht zu Ende erzählt. Schaut Euch das hier an!“ Sibylla holte das Goldstück hervor und berichtete, wie sie dem Bader so lange gedroht hatte, bis er ihr die Münze überlassen hatte.

„Ach du liebe Güte!“ rief die Mutter aus und nahm das in der Sonne glänzende Gold in ihre Hand.

„Mutter, können wir nicht diese Münze dazu nutzen, der Korbflechterin zu helfen?“ rief Sibylla.

Die Mutter schloss die Münze in ihre Faust. „Hör zu, du dummes junges Ding,“ sagte sie. „Das war nicht klug von dir, aber nun müssen wir das Beste daraus machen. Du hast zwar diesen einen Streit mit dem Bader gewonnen, aber er wird dir jetzt zürnen. Und weil er gegen dich nichts ausrichten kann, wird er sich an Schwächeren rächen – wahrscheinlich an der Korbflechterin. Er wird alles tun, dass sie verurteilt wird.“

„Dann werde ich behaupten, dass er ein Hexer ist!“ rief Sibylla trotzig.  

„Nein, das wirst du nicht!“ Zur Bekräftigung schlug die Mutter sogar mit der freien Hand auf den Tisch. „Du wirst dich auf gar keinen Fall in irgendwelche Verwicklungen im Zusammenhang mit Hexerei begeben. Das ist sehr, sehr gefährlich – auch, und vielleicht gerade, für die reiche Tochter des Tuchhändlers!“

Sibylla erkannte, dass ihre Mutter höchst besorgt war und bekam nun selbst ein wenig Angst vor ihrer eigenen Courage.

„Hier müssen wir mit anderen Mitteln vorgehen“, sagte die Mutter mehr zu sich selbst. Dann wandte sie sich wieder ihrer Tochter zu.

„Ich werde die Münze nehmen und damit zu deinem Vater gehen. Er wird sicherlich seinen Einfluss geltend machen können. Aber glaube nicht, dass er über dein Tun erfreut sein wird.“

 

 

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