4.

Der Bader rieb sich die Hände! Da hatte er einen feinen Fang gemacht! Ein ganzes Bündel bester Körbe in allen denkbaren Größen und Formen war sein! Sie hatten die dumme Korbflechterin eingekerkert, die geglaubt hatte, auf dem Markt der feinen Leute mitmischen zu können. Und er war zur rechten Zeit am rechten Ort gewesen. In dem Tumult der Festnahme hatte er unbemerkt die Waren des Mädchens in seinen Stand geräumt. Niemand scherte sich um das Zeug eines gefangenen Waisenkinds!

Zufrieden sortierte der Bader im Schein einer Lampe seine Waren neu, als er Geräusche an der Tür hörte. Wer mochte ihn zu so später Stunde noch aufsuchen?

Er ging zur Tür und staunte nicht schlecht, als er dort einen räudigen Straßenköter sah, der vor Freude herumhopste und wedelte. Eigentlich konnte der Bader Hunde nicht leiden. Aber dieser war derart lustig, dass er lachen musste.

„Was willst du, alte Flohkutsche?“ fragte er und stellte gleichzeitig ein Bein in den Türspalt, weil der Hund direktemang in sein Haus laufen wollte. „Du kommst hier nicht rein, scher dich weg!“ Aber der Hund stellte seine Pfoten auf des Baders Bein und da sah der Mann, dass er etwas um seinen struppigen Hals trug.

„Ei, was hast du da für ein feines Band?“ sagte der Bader mehr zu sich selbst, öffnete nun doch die Tür und ließ das Tier ein.

Der Hund begann sofort an all den Körben und Kräutern zu schnuppern. Es musste das reinste Duftabenteuer für ihn sein. Aber der Bader schnappte ihn am Halsband und zog es ihm über den Kopf.

„Ein hübsches Band“, sprach er vor sich hin und hielt es in den Lampenschein. Und er sah einen Knoten und ergriff ihn. Es war etwas darinnen! Ungeduldig nahm der Bader sein Messer und schnitt das Band einfach entzwei. Heraus fiel eine goldene Münze! Der Bader traute seinen Augen nicht!

Die Münze war dick und schwer und glänzte im Lampenlicht. Der Bader hatte in seinem Leben noch nie echtes Gold gesehen, aber einen solchen Glanz konnte doch nur eine wertvolle Münze zeigen. Und gewiss würde der Besitzer dieser Münze nach ihr suchen. Wie auch immer dieser Hund dazu gekommen war – niemand durfte wissen, dass dieser Schatz jetzt bei ihm, dem Bader, war.

Er warf das Band in sein Herdfeuer und griff in Eile nach einem Stückchen Käse, das er sich eigentlich zur Feier des Tages hatte gönnen wollen.

„Komm her Hund“, rief er mit leiser, schmeichelnder Stimme und hielt dem Hund das duftende Käsestück vor die Nase. „Das hier ist deine Belohnung, aber nur wenn du dich hier nicht mehr blicken lässt!“ Er öffnete die Tür und warf das Käsestück vor den Augen des Hundes weit die steile Gasse hinunter.

Der Hund fand dieses Spiel ganz wunderbar und rannte den Berg hinab, um sich sein außergewöhnliches Festfressen zu fangen. Gemütlich schmatzend und sich die Lefzen leckend fand der Hund schließlich ein paar alte Säcke auf trockenem Boden unter einer Kutsche und machte es sich zufrieden bequem. Was war das für eine herrliche Nacht gewesen! Morgen würde es bestimmt noch viel toller.

                                                     *

Am nächsten Morgen war der Bader mehr als gut gelaunt. Anscheinend hatte er eine Glückssträhne. Mit der Münze würde er sich endlich die reinen Öle und kostbaren Ingredienzien kaufen können, mit denen man wirklich gute Salben machen konnte. Er würde nur noch bei Hofe verkaufen und die reichen Leute würden sich um seine Parfums und Einreibemittel reißen. Er würde in feinen Kleidern einhergehen und jeden Tag Fleisch und Käse essen.

Freudig öffnete er die Tür zu seinem Laden. Aber dann besann er sich eines Besseren. Wozu den Laden öffnen, wo er doch jetzt reich war? Er brauchte all die stinkenden Bauern mit ihren Furunkeln und faulen Zähnen nicht mehr. Auf die paar Pfennige oder Eier oder Versprechungen, die er als Entlohnung bekam, konnte er geradesogut pfeifen. Sollte dieses arme Pack doch bleiben wo es war. Seine Kundschaft waren jetzt die Edelleute.  

Und er machte sich daran, seinen Laden aufzuräumen. Es sollten nur die schönen neuen Körbchen mit den besten Kräutern und Wurzeln zu sehen sein. Wohlriechend musste es sein, damit die feinen Damen hereinkommen würden.

Also wanderten als erstes die Fässer mit dem ranzigen Viehtalg auf die Straße. Ebenso sortierte der Bader all die muffigen Zutaten aus, von denen das gemeine Volk glaubte, dass sie, je grausiger, desto wirkungsvoller gegen allerlei Übel waren. Getrocknete Spinnen, Krötenfüße und Knochen von Gehängten flogen ebenso auf einen Haufen, wie vergammelte Säckchen mit Abwehrzaubern gegen Unglück, Blitzschlag und den Teufel höchstpersönlich.

Sollte der Unratsammler das ganze Zeug auf seinen stinkenden Karren laden und vor die Stadt bringen. Die paar Heller, die das kosten würde, könnte er sich jetzt ohne Probleme leisten.

So räumte und fegte der Bader und pfiff dabei ein lustiges Liedchen. Und immer wieder hielt er inne, holte die goldene Münze hervor, betrachtete sie voller Wohlwollen und erfreute sich an ihrem Glanz.

Als er wieder einmal die Münze in seinen Fingern drehte, fiel auf einmal ein Schatten in den Laden. Jemand stand an der offenen Tür.

„Schleicht Euch, ich nehme keine Kundschaft mehr an!“ rief der Bader.

„Ach nein, tut Ihr das nicht?“ sagte eine sanfte Stimme.

 

 

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