24.

Eine dicke Schneedecke hatte sich über Stadt und Land gelegt. Aber die Menschen erfreuten sich an warmen Feuern und gedeckten Tischen. Sänger und Geschichtenerzähler zogen über die Plätze und durch die Wirtshäuser. Sie berichteten von den großen Taten des Herrn Magnus und der Ritter Lukas, Leopold, Franz und Friedrich. Das Volk erfuhr die ganze Geschichte, angefangen bei der zu Unrecht verurteilten Korbflechterin, über die Rettung vieler Leben durch das Vereiteln der Schlacht um die Burg und über den Verrat des Ritters Wentzel.

Und die Menschen der Stadt wünschten, dass Magnus der neue Stadtherr sein sollte. Dem stimmten auch die Ritter und die Kaufleute, allen voran der Tuchhändler zu. Selbst der Bischof entsandte Boten, die seinen Segen für Magnus brachten - und alle Geflüchteten zurück in die Stadt führten. Als dem hohen Kirchenmann erst einmal klar geworden war, dass der alte Stadtherr all seine Reichtümer verloren hatte und er selbst seine Hand auch nicht auf dieses Gold legen konnte, kam es ihm sehr recht, all die hungrigen Mäuler in seinem Hof loszuwerden. Sollte der neue Stadtherr doch dafür sorgen, sie alle satt zu bekommen.

Und das tat Magnus. Und er und seine vier Ritter taten noch viel mehr. Sie wollten die Stadt wieder zu Blüte, Reichtum und Glück führen.

                                                       *

Derweil Anna, die Korbflechterin, jeden Tag am Fenster ihres Gemachs im Kloster saß und hinaus in den Garten schaute. Neben ihr rollte sich der Hund zusammen und sie kraulte ihn gedankenverloren hinter den Ohren. Draußen glitzerten Eis und Schnee in der hellen Sonne. Jeder Zweig und jedes Blatt waren weiß und starr vor Frost.

Es war ihr verboten worden, ihre Hände zu rühren. Die Oberin hatte gesagt, dass Anna Ruhe haben sollte, um all ihre Erlebnisse zu verschmerzen und Kraft zu schöpfen. Und Anna wurde es viele Tage nicht müde, einfach nur den verschneiten Garten anzuschauen und den kleinen Vögeln dabei zuzusehen, wie sie sich um die Brotkrumen balgten, die sie ihnen jeden Morgen hinstreute.

Sie wartete. Anna wusste nicht genau, worauf sie wartete, aber sie wusste, dass Warten jetzt ihre einzige Aufgabe war. Und eines Tages war es soweit.

Leise klopfte es an ihre Tür. Die Oberin trat ein und winkte Anna, mit ihr zu kommen. Sie folgte ihr in die Stube der Oberin. Wie war sie erstaunt, als sie dort ein wunderschönes Kleid ausgebreitet sah. Es war aus feinster, weißer Wolle gewebt und hatte ein Mieder aus Seide. Ein prächtiger weißer Kapuzenmantel aus dickem Loden, bestickt mit Schneerosen aus Seidenfäden, lag daneben. Und bestickte Stiefel aus dem gleichen Stoff standen auch bereit.

Anna konnte kaum atmen, als sie diese Pracht erblickte. Ihr Auge erkannte sofort die hohe Kunstfertigkeit und die Arbeit vieler Hände, die in diesen herrlichen Gewändern steckte.

„Schwester Oberin“, hauchte sie, „wie kommen diese wunderschönen Gewänder hierher?“

„Eine Kutsche ist gekommen und hat diese Kleider für dich gebracht, mein Kind!“

„Für mich?!“

„Ja, du sollst sie tragen, wenn die Kutsche dich in die Stadt und auf die Burg bringt. Der neue Stadtherr erwartet dich dort!“

Anna vergaß, ihren Mund zu schließen und schaute die Oberin mit großen Augen an. Diese lächelte von Herzen und sagte: „Ja, Anna, du verstehst es schon richtig. Dein Magnus ist der neue Stadtherr. Als ich diese Kunde vernahm, ließ ich eine Botschaft schicken, dass du am Leben und hier bei uns in Sicherheit bist.“

Das Mädchen brach in Tränen der Freude und Erleichterung aus.

„Siehst du“, sagte die Oberin, „so ist doch alles zu einem guten Ende gekommen!“

Anna nickte strahlend und dann half ihr die Oberin, das weiße Gewand anzuziehen. Es lag auch ein warmer, weißer Wollschal dabei, mit dem Anna ihr kurzes Haar bedecken konnte. Als sie fertig angekleidet war, umarmte sie die Oberin innig und versprach, sie bald im Kloster besuchen zu kommen. Dann ging sie, gefolgt von ihrem Hund, hinaus in den Schnee, wo die Kutsche schon wartete.

Die Oberin sah der Kutsche lange nach. Dann griff sie in ihre Tasche und holte das schwere Goldstück hervor, das ihr der Bote aus der Stadt gebracht hatte. So war die Münze wieder ins Kloster zurückgekehrt und sollte hier sicher verwahrt werden.

Derweil fuhr Anna unter einen blauen Winterhimmel in die Stadt und hinauf zur Burg. Dort im Burghof, wo alles angefangen hatte, stand Magnus, gekleidet in prächtiges, goldbesticktes Schwarz und wartete auf sie.

Mit leuchtenden Augen lächelten sie beide sich an. Magnus reichte Anna seine Hand, zog sie an sich und sagte leise: „Entschuldige, dass ich dich so lange habe warten lassen. Aber ich wollte, dass du das schönste von allen Brautkleidern trägst und das musste erst für dich gefertigt werden!“

Anna blickte strahlend an ihrem Kleid hinab und obwohl ihr Herz überlief, brachte sie nicht mehr heraus als: „Ich danke dir!“

Die vier Ritter kamen heran und küssten ihr galant die Hand und alle Bewohner und Bediensteten der Burg applaudierten dem jungen Paar.

Natürlich gab es eine wunderschöne Hochzeit, die mit besonderen Köstlichkeiten für alle Bewohner der Stadt gefeiert wurde.

In den Tagen und Wochen nach ihrer Eheschließung saßen die neue Stadtherrin und der neue Stadtherr mit den vier Rittern im großen Saal der Burg und sprachen Recht. Es gab viele Probleme zu lösen und Entscheidungen für die Zukunft der Stadt zu fällen.

Zum Schluss wurden einzeln die Gefangenen vorgeführt.

Als der Bader hereingebracht wurde, gab es auch eine Anhörung von Sibylla, der Tochter des Tuchhändlers.

Der Bader beteuerte, dass er nur um sich zu schützen, falsche Aussage über Anna geleistet hatte. Und Sibylla gab zu, dem Bader derart gedroht zu haben, dass er sich zu dieser Aussage hatte verleiten lassen. Dennoch wurde er wegen Habgier, Verleumdung und Diebstahl verurteilt. Seine Strafe bestand darin, für drei Jahre ein Armutsgelübte abzulegen und in den Klöstern der Umgebung die wahre Heilkräuterkunde zu erlernen, um sie den  Bürgern der Stadt angedeihen lassen zu können. Dieses milde Urteil erfüllte den Bader mit Scham und er bat ein ums andere Mal die neue Stadtherrin um Verzeihung und versprach, nie wieder falsches Zeugnis abzulegen.

Ritter Lukas ließ es sich nicht nehmen, die schöne Sibylla zurück ins Haus des Tuchhändlers zu geleiten, wo er bald ein häufiger und gern gesehener Gast war.

Der ehemalige Stadtherr kam nicht so glimpflich davon wie der Bader. Zitternd und zagend stand er vor Anna und Magnus. Er wusste, dass auf seine Vergehen der Tod stand und hoffte inständig, dass über ihn ein Urteil mit einer schnellen Hinrichtung gesprochen wurde. Aber Anna sagte: „Da ich selbst erleben musste, wie es ist, gefangen zu sein und auf seinen gewaltsamen Tod zu warten, ist es mir ein großer Wunsch, dass niemand in unserer Stadt dies erdulden muss.“

Der Gefangene schaute erstaunt auf.  

„Ihr habt“, fuhr Magnus fort, „dieser Stadt und ihren Bewohnern und auch dem Land, das zu dieser Stadt gehört, großes Leid angetan. Deshalb habt Ihr das Recht verwirkt, Euch innerhalb der Mauern dieser Stadt aufzuhalten. Euer gesamter Besitz wurde an die Menschen zurückgegeben, an denen Ihr Euch zu Unrecht bereichert habt.
Es sei für Euch Strafe genug, aus der Stadt und hundert Meilen im Umkreis verbannt zu werden. Findet anderswo Euer Leben, das hoffentlich besseren Zwecken dient, als bisher.“

Der ehemalige Stadtherr konnte nicht glauben, welche Gnade ihm erwiesen wurde. Ihm waren sein Leben und die Freiheit geschenkt. Und als er allein und ohne einen Heller weit vor die Stadt gebracht worden war, fühlte er sich seltsam erleichtert. Es war doch eine große Last gewesen, immerzu Macht auszuüben und überlegen sein zu müssen.

In der Stadt aber wurde als nächster Wentzel vorgeführt. Der Ritter schimpfte und fluchte und beschuldigte Magnus, ein Verräter zu sein. Immer wieder versuchte er, die Geschehnisse zu verdrehen, aber die vier Ritter und Magnus blieben ruhig und ließen Wentzel ein Weilchen toben.

Schließlich bedeutete Magnus den Wachen, dass der Gefangene zu schweigen hatte. Ihm wurde ein grober Knebel aufgezwungen und die Wachen hielten ihn fest an den mächtigen Armen.

Dann sagte Magnus: „Wentzel, Ihr seid der ärgste von allen Verbrechern, die bisher vor uns standen, denn Ihr seid bar jeder Einsicht und Reue!“

Wentzel riss vergeblich an dem Griff der Wachen.

„Dennoch sind wir nicht Willens“, fuhr Anna fort, „unsere neu erblühende Stadt mit Eurem Blut zu besudeln oder Euch in unseren Kerkern zu nähren.“

Wentzel riss voller Angst und Spannung die Augen auf und starrte Anna und Magnus an.

„Deshalb haben wir uns für Euch eine besondere Strafe erdacht“, sprach Magnus. „Ihr könnt wählen, ob Ihr gebrandmarkt als Vogelfreier verbannt werdet, oder ob Ihr der Stadt einen Dienst leisten wollt, in dem Ihr zeigt, dass Ihr es wert seid, ein freier Mann zu sein.“

Wentzel nickte heftig.

„Dieser Dienst“, fuhr Anna fort, „besteht darin, vor den Toren unserer Stadt einen neuen Wald zu pflanzen, für den Ihr alle Hege und Pflege leistet. Wenn der erste neugepflanzten Baum so groß ist wie Ihr, erhaltet Ihr die Erlaubnis, wieder in der Stadt zu leben. Wenn der erste neugepflanzte Baum zweimal so groß ist wie Ihr, erhaltet Ihr Eure Freiheit und die Ritterwürde zurück.“

Da erkannte Wentzel, dass er seine Meister gefunden hatte. Er ließ sich auf ein Knie nieder und beugte den Kopf.

Und so ward das letzte Urteil über die Geschehnisse der Eroberung der Stadt gesprochen.

Der Stadtherr Magnus, die Stadtherrin Anna und die vier obersten Ritter der Stadt kamen an diesem Abend in einem kleineren Rittersaal zusammen. Auch die schöne Sibylla saß an der Seite von Lukas von Rossen mit an der gemeinsamen Tafel. Die beiden jungen Frauen waren schnell Freundinnen geworden.

Ein behagliches Feuer prasselte im Kamin, der Hund lag davor und kaute selig an einer großen Schwarte. Als alle üppig gespeist und sich einen guten roten Tropfen eingeschenkt hatten, war Zeit für freundschaftliche Gespräche.

„Sagt“, wandte sich Ritter Franz vom Stein an Anna, „warum habt Ihr all diesen Verbrechern verziehen? Sie haben Euch fast das Leben gekostet! Gar nicht daran zu denken, was dem Volk angetan worden ist!“

Anna dachte einen Moment nach. Dann sagte sie:

„Zu verzeihen, heißt ja nicht, dass ich das, was passiert ist, kleinrede. Es war Unrecht und bleibt Unrecht. Aber zu verzeihen heißt, dass ich auf mein Recht auf  Vergeltung verzichte. Böse Taten zu rächen, würde nichts an der Vergangenheit ändern, aber es würde einen Schatten auf mein Herz legen."

„Magnus, Du hast eine würdige Stadtherrin geheiratet“, lachte Leonhard der Rote und erhob sein Glas.

„Und eine schöne Frau“, rief Friedrich Hallenstätten, „auch wenn sie für meinen Geschmack ein wenig zu kurzes Haar hat!“

Und alle lachten und hoben ihre Becher und tranken auf  auf das Wohl der Stadt, auf ihre Freundschaft auf die Zukunft, den Frieden und die Liebe.

 

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