22.

„Steh auf, ich brauche einen tüchtigen Burschen, der mir hilft!“

Anna sprang auf und folgte der Oberin zu dem Wagen. Zwei Schwestern waren gerade dabei die Pferde wieder anzuspannen.

„Wir brauchen neue Vorräte und du wirst mitfahren und beim Beladen helfen!“ befahl die Oberin.

Anna wusste nicht, wie ihr geschah. Sie kletterte hinten auf den Wagen, der Hund sprang hinterher und die Oberin stieg auf den Kutschbock. Das Tor wurde geöffnet und die Kutsche rollte hinaus auf die Landstraße in Richtung Kloster.

Anna überlegte ein ums andere Mal, ob sie einfach vom Wagen springen und wegrennen sollte. Spätestens im Kloster würde die Oberin sie erkennen. Aber sie sprang nicht. Sie konnte sich nicht entschließen nochmals wegzulaufen. Und sie wusste auch nicht, wohin sie hätte fliehen sollen. Im Wald würde sie verhungern oder erfrieren. Die Luft roch nach Schnee, der Winter war jetzt nicht mehr weit.

„Lieber Gott, lass irgendetwas geschehen, was mich rettet!“ flüsterte sie in den schaukelnden Wagen. Der Hund kletterte ihr auf den Schoß und versuchte, ihr Gesicht abzuschlecken.

„Ach Hund!“ schniefte Anna und ihre Angst wuchs, als sie spürte, wie der Wagen anhielt.

Die Plane am Ende des Wagens wurde geöffnet. Draußen stand die Oberin und sah sie an. Und als Anna in dieses vertraute Gesicht blickte, fing sie an, bitterlich zu weinen.

„Komm her Kind!“ sagte die Oberin voller Mitgefühl. Anna stolperte aus dem Wagen und die Oberin schloss sie in die Arme. „Meine kleine Anna! Was ist bloß mit dir geschehen?“

Aber das Mädchen konnte gar nicht sprechen vor lauter Tränen und Schluchzen. Und so wiegte die Oberin ihr Ziehkind einfach ein Weilchen.

Dann führte sie das Mädchen ins Kloster. Der Hund folgte ihnen. Am Eingang zur Stube der Oberin schaute sie auf den Hund und fragte Anna: „Muss der mit?“ Anna nickte nachdrücklich. „Ja“, schniefte sie, „er hat niemanden außer mir.“

„Oder du hast niemanden außer ihm?“ fragte die Oberin lächelnd und ließ beide herein.

Sie bugsierte das aufgelöste Mädchen auf einen Stuhl, legte ihr eine Decke um die Schultern und holte aus der Küche einen Becher Tee.

Als Anna aufgehört hatte zu weinen und mit beiden Händen den warmen Tee hielt, fragte sie:
„Wann habt Ihr mich erkannt?“

Die Oberin lächelte. „Wenn man ein Kind das Schreiben, Spinnen und Weben lehrt, dann braucht es kein Gesicht. Als du mir gestern deine Breischale hingehalten hast, habe ich dich an deinen Händen erkannt.“

„Und Ihr habt mich nicht verraten?“

„An wen hätte ich dich verraten sollen und weswegen? Ich sah nur, dass du dich als Junge verkleidet hast und daran erkannte ich, dass du in Not bist.“

„Dann wisst Ihr gar nicht …?“

„Was weiß ich nicht?“

„Habt Ihr denn nichts von dem Prozess gehört?“

„Kind, du weißt, dass wir im Kloster kein weltliches Leben führen. Wir nehmen nur wenig Anteil an den Geschehnissen in der Stadt. Erzähle mir alles von Anfang an.“

Und Anna erzählte. Von ihren Körben, dem Markt, der Festnahme, dem Kerker, dem Hund, dem jungen Magnus, der Verurteilung und wie Magnus sie befreit und durch den geheimen Gang geführt hatte.

Der Tag verging und Anna erzählte immer noch. Schließlich kam sie bei ihrer Flucht aus der Stadt und der Begegnung mit dem Gefolge des Stadtherrn im Wald an.

Als sie geendet hatte, war Anna erschöpft und seltsam erleichtert.

Die Oberin hatte die ganze Zeit schweigend zugehört. Mal war sie blass geworden, mal hatten sich ihre Hände ineinander geballt – und auch das eine oder andere Lächeln war über ihr Gesicht gehuscht. Am häufigsten aber hatte sie den Kopf geschüttelt.

„Du wirst jetzt erst einmal ordentlich essen“, entschied sie dann. „Danach wirst du dich waschen und ein sauberes Gewand anziehen. Und dann wirst du hier bei mir in der Stube schlafen. Wir wollen den Schwestern erst morgen berichten, dass du uns aus der Stadt besuchen gekommen bist, weil dich die Unruhen geängstigt haben. Sprich mit niemandem über deine Erlebnisse.“

Anna tat gehorsam, wie ihr geheißen. Sie aß Brot und Ziegenkäse (und der Hund aß unter dem Tisch auch Brot und Ziegenkäse), trank gewürzten Wein und wusch sich danach mit angewärmtem Wasser. Als sie ein sauberes Hemd anzog, fiel die Last der letzten Wochen von ihr ab.

Das vertraute Kloster erschien ihr wie ein geschützter, sonniger Garten, in dem sie sich erholen konnte. Hier würde sie wieder zu Kräften kommen. Und dann erst würde sie darüber nachdenken, wie es weitergehen würde.
Zum ersten Mal seit langer Zeit schlief Anna zugedeckt in einem trockenen, weichen, sauberen Bett. Sie schlief die ganze Nacht und noch weit in den Morgen hinein.

Als sie aufstand, war die Oberin schon fort. Sie hatte wieder an den Bischofssitz zurückkehren müssen, um für die Geflüchteten zu sorgen. Draußen hatte es über Nacht geschneit.

Nachdem Anna sich etwas Brei aus der Küche geholt und ihn mit dem Hund geteilt hatte, begrüßte sie die anderen Schwestern. Dann ging sie, gefolgt von ihrem Hund, im Klostergarten spazieren. Die Beete lagen in winterlicher, weiß überdeckter Ruhe.

Wie oft hatte sie hier das Keimen, das Wachsen, das Reifen und Ernten erlebt? Wie friedlich erschien ihr die Zeit, die sie im Kloster verbracht hatte.

Die Oberin kam erst am übernächsten Tag wieder. Bis dahin hatte Anna viele Stunden in stillem Nachdenken verbracht. Als sie am Abend mit der Oberin in der Stube zusammensaß sagte Anna:

„Liebe Oberin, kann ich nicht hierbleiben? Kann ich nicht auch eine Schwester werden? Ich glaube, die Welt draußen ist nichts für mich.“

Die Oberin nahm Annas Hände in die ihren.

„Natürlich ist die Welt draußen etwas für dich. Du hast es gut gemacht, sonst würdest du nicht hier sitzen. Eine Ordensschwester stellt sich auf keinen Markt, spricht nicht mit jungen Männern und Hunden, läuft nicht durch Geheimgänge und schwimmt nicht durch Brunnen. Schon gar nicht zieht sie Hosen an!“

Anna musste wider Willen lachen.

„Du hast Angst“, fuhr die Oberin fort, „und das verstehe ich. Aber gib dein Herz sich selbst zurück. Denn da ist ja auch noch dein Magnus. Er hat dich nicht im Stich gelassen und du wirst ihn auch nicht im Stich lassen.“

„Ich weiß ja gar nicht, ob er noch lebt!“

„Er weiß auch nicht, ob du noch lebst!“

„Aber was soll ich tun?“ fragte Anna.

„Abwarten!“ antwortete die Oberin. „Abwarten und die Dinge, die geschehen müssen, geschehen lassen. Übe dich in Geduld. Finde Genesung und Weisheit. Dazu ist ein Kloster da."

Und da wusste Anna, dass sie guten Rat erhalten hatte. Auch wenn ihr Herz unruhig war und sie dem Hund oft, wenn sie mit ihm allein war, von Magnus erzählte.

 

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