21.

Anna und der Hund waren den ganzen Nachmittag gelaufen. Erst am Bach entlang, wo sie ihren Durst hatten stillen können und dann in den Wald hinein. Die Geräusche des Aufstands oben in der Stadt hatten sie noch eine Weile begleitet. Jetzt dämmerte der Abend und es wurde still im Wald.

Unter den Bäumen war es düster und Anna schritt vorsichtig über raschelndes Laub. Durch die Zweige konnte sie sehen, wie am Himmel ein Stern nach dem anderen aufleuchtete. Es würde eine kalte Nacht werden.

„Wir sollten rasten und etwas schlafen“, sagte sie zu dem Hund. Zwischen den Wurzeln einer großen Eiche nahm sie ihr Bündel von der Schulter. Der Hund schnüffelte aufgeregt daran.

„Ja, natürlich bekommst du etwas ab!“ Anna lächelte, als sie die Augen ihres Begleiters in der Dunkelheit glänzen sah. Und sie teilte alles, was sie aus dem Beutel nahm zur Hälfte und fütterte damit den Hund.

„Den Rest essen wir morgen früh“, sagte sie und band den sehr viel leichter gewordenen Beutel wieder zu. Dann grub sie eine Mulde in das Eichenlaub, legte sich hinein und schaufelte mit ihren Armen möglichst viele der trockenen Blätter über sich zusammen. Der Hund kroch ganz nach an sie heran und sie wärmten sich gegenseitig.

„Ich bin froh, dass du bei mir bist“, flüsterte Anna und kraulte den Hund sanft. Der Hund schnaufte wohlig und Anna grub ihre Nase in sein Fell und schlief erschöpft ein.

Es musste tief in der Nacht sein, als der Hund sich in ihren Armen regte und ein leises Wuff von sich gab. Anna wachte auf, wusste einen Moment nicht, wo sie war, und erblickte dann ein Stück weiter unter den Bäumen ein Feuer und Menschen.

„Psst!“ sagte sie zu dem Hund, der sich aufgesetzt hatte und zum Feuer starrte. Ein tiefes Knurren rollte in seiner Kehle, als sich jetzt Schritte näherten.

„Ist gut, Hund“, flüsterte Anna und streichelte ihn beruhigend. Da lief jemand mit einem brennenden Kienspan durch den Wald und sammelte offenbar Feuerholz. Gleich würde er bei ihr sein. Anna überlegte noch fieberhaft, was sie sagen sollte, als der andere sie schon erblickte.

„Heda, Junge“, sagte eine Stimme und Anna blickte in das vom Kienspan beleuchtete Gesicht eines älteren Mannes. „Was drückst du dich vor der Arbeit! Hilf gefälligst, Holz zu suchen. Oder willst du, dass die Kinder erfrieren?“

Kinder? Anna verstand nicht. Aber der Mann glaubte anscheinend, dass sie mit zu seiner Gruppe gehörte. Noch einmal strich sie dem Hund beruhigend über den Rücken, stand dann auf und sagte: „Verzeiht, ich muss wohl eingeschlafen sein.“

„Na ja, ist ja auch kein Wunder nach diesem Tag“, brummte der Mann gutmütig. „Bist ja selbst noch ein halbes Kind. Aber hilf mir jetzt, dann kannst du dich an das warme Feuer setzen.“

Warmes Feuer hörte sich sehr gut an! Anna nahm dem Mann einen Teil seiner Äste und Zweige ab und gemeinsam gingen sie zum Feuer. Der Hund folgte ihnen.

Um das Feuer herum saßen bestimmt hundert oder mehr Menschen. Männer, Frauen und Kinder jeden Alters. Alle wirkten erschreckt und besorgt. Ein Säugling weinte. Nah an den wärmenden Flammen hockten ein gutes Dutzend Kinder. Sie blickten müde und verschüchtert ins Feuer. Ein paar Ritter mit Harnisch und Schwertgehänge gingen langsam zwischen den Menschen herum und schienen ihnen Mut zuzusprechen. Niemand wunderte sich über Anna.

Der Mann schob sie durch die Sitzenden nach vorne, so dass sie etwas Wärme abbekam. Dankbar setzte Anna sich auf den Boden. Die Menschen unterhielten sich leise. Das meiste, was Anna aufschnappte ging um den Bischofssitz, der anscheinend das Ziel der Gruppe war.

„Wie hast du denn den Hund durch den Tunnel gekriegt?“ fragte ein halbwüchsiges Mädchen, das neben ihr saß.

„Äh – ich“, Annas Gedanken überschlugen sich. Hatte das Mädchen Tunnel gesagt? „Ich habe ihn getragen!“ stieß sie dann hervor, weil ihr nichts anderes einfiel.

„Wirklich? Auch durch den Brunnen?“

Ach du liebe Güte! Waren diese Leute auch durch den geheimen Gang gekommen?

„Er kann schwimmen“, antwortete Anna trocken und das Mädchen schaute sie bewundernd an.

Anna wollte mehr wissen. „Und du? Wie fandest du es im Tunnel?“

Das Mädchen hatte anscheinend Lust, sich zu unterhalten. „Ich hatte erst Angst. Es ging alles so schnell. Eben noch im Bett gelegen wie immer und dann auf einmal auf dem Burghof gestanden.“ Das Mädchen schauderte. „Aber am schlimmsten fand ich es, in dieses Grab zu steigen!“

Hinter der Tür führte der Gang also, wie Magnus gesagt hatte, zur Burg und der Ausgang befand sich in einem Grab. Anna bewunderte den Ideenreichtum der Erbauer des Tunnels. Und sie wusste jetzt, dass hier die Burgbewohner saßen, die offenbar vor den Aufständischen geflohen waren. Anscheinend hatte man den Gang auf der Burg gekannt. Anna erschauderte bei dem Gedanken, dass sie hätte entdeckt werden können. Da sagte das Mädchen:

„Ohne diesen Magnus wären wir jetzt alle tot!“

Anna erstarrte. Magnus? Ja, natürlich! Er hatte ihr geschrieben, dass sie unbedingt bis Mitternacht aus der geheimen Kammer verschwunden sein sollte. Es war anscheinend sein Plan gewesen, die Burgbewohner durch den Gang zu führen. War er ein Verräter?

Anna schaute in die vielen Gesichter, die vom Flackern des Feuers unruhig beleuchtet wurden. Kinder, Mädchen, Jungen, Frauen und Männer. Menschen. Die wenigsten von ihnen dürften Einfluss auf die Geschicke der Stadt gehabt haben. Es waren einfach arbeitende Leute, genauso wie sie selbst,als sie noch mit ihren Körben auf dem Markt gestanden hatte.

Ein heißer Schreck durchfuhr sie. Würde sie jemand als die Korbmacherin erkennen? Anna tastete nach ihrem kurzgeschnittenen Haar und der Kapuze. Sie hoffte, ordentlich Dreck im Gesicht zu haben. Die Jungenkleidung tat ihr übriges. Aber ab jetzt war sie vorsichtig und hielt ihren Kopf meist gesenkt.

Nach und nach rollten sich die Leute um das Feuer zum Schlafen zusammen. Nur die Ritter standen stumm und mit den Händen an den Schwertgriffen um die Menschen herum. Auch Anna und der Hund legten sich wieder hin.
Hier ist es auf jeden Fall etwas wärmer als allein, dachte Anna während sie einschlief.

Am Morgen erwachte sie klamm und steif in allen Gliedern. Das erste, was sie sah, war der Hund, der vor ihr stand und wedelte. Er schien sich unbändig zu freuen, dass seine neue Herrin ausgeschlafen hatte. Anna musste lachen, noch bevor sie aufgestanden war und bevor sie begann, sich Sorgen zu machen.

Die Menschen um sie herum wachten nach und nach auf und ächzten, als sie begannen, sich zu bewegen. Das kalte Wasser des Brunnens, der lange Tagesmarsch und das schlafen auf dem feuchten Waldboden zeigten besonders für die Älteren schmerzhafte Folgen.

Schon riefen die Ritter zum Aufbruch. Allen war kalt und sie waren trotz der Schmerzen froh, sich zu bewegen. Anna wurde vom Strom der Menschen mitgezogen. Im Gehen überlegte sie, ob sie sich heimlich davonmachen sollte. Aber das war im hellen Tageslicht gar nicht so einfach, denn die Ritter passten gut auf die Leute auf und kontrollierten immer wieder mit scharfen Augen den Wald um sie herum.

„Wir werden bis zum Mittag am Bischofssitz ankommen“, hörte sie einen sagen.

Aus den Gesprächen der Menschen lauschte sie heraus, dass niemand wusste, wo der Stadtherr war. Einige waren sich sicher, ihn im Tunnel gesehen zu haben, andere meinten, er wäre auf der Burg geblieben. Wieder andere waren überzeugt, dass er an der Spitze des Zuges durch den geheimen Gang gegangen und dann mit einem Ritter auf Pferden voraus zum Bischof geritten war.

Annas Sorge wuchs. Der Stadtherr und der Bischof hatten das Todesurteil über sie gefällt! Wenn sie erkannt würde, wäre ihre ganze Flucht umsonst gewesen. Ganz gleich, ob sie unter diesen Menschen Schutz, Wärme und Essen bekommen würde, sie war hier nicht sicher.

Verzweifelt suchte sie einen Moment zu finden, um sich unbemerkt von der Gruppe zu entfernen, aber es war schier unmöglich. Zumal der Wald immer lichter wurde und sie schon bald auf offenes Land mit Feldern und Weiden hinaustraten. Sie hatte keine Chance, unauffällig zu entkommen.

Ich werde die Nacht abwarten, gewiss finde ich dann eine Möglichkeit wegzulaufen
, dachte sie bei sich.

Fortan achtete Anna sorgfältig darauf, sich wie ein Junge zu bewegen und sich bei Gelegenheit heimlich etwas Schmutz ins Gesicht zu schmieren. Als sich der Himmel zuzog und es anfing zu regnen, kam das ihrer Tarnung sehr entgegen. Alle gingen mit gebeugten Köpfen und hatten ihre Kapuzen und Kopftücher tief ins Gesicht gezogen.

Schließlich kamen sie durchnässt und erschöpft am Bischofssitz an. Man hatte sie schon von Weitem kommen sehen und einige Wachen standen vor dem Tor. Sie richteten ihre Lanzen gegen die Gruppe und einer rief: „Halt! Wer seid ihr und was wollt ihr?“

Einer der Ritter, die sie begleitet hatten, trat vor. „Seid gegrüßt! Ich bin Ritter Michael von der Burg. Ein Aufstand ist in der Stadt ausgebrochen. Wir sind das Gefolge des Stadtherrn und konnten vor den Aufständischen fliehen. Wir erbitten den Schutz des Bischofs.“

„Wartet hier!“ erwiderte der Wachmann und ging allein durch das Tor zurück. Die anderen Wachmänner regten sich nicht und nahmen auch nicht ihre bedrohlichen Waffen fort.

Kurze Zeit später erschien wieder der Wachmann. „Ritter Michael darf eintreten. Die anderen warten!“

Ein empörtes Murmeln ging durch die Menge, während Michael dem Wachmann folgte. Die anderen Ritter, die den Zug begleitet hatten, riefen zur Ruhe.

Es dauerte sehr lange, bis Michael wieder erschein. Die Menschen standen frierend und ängstlich im Regen. Sie hatten erwartet, beim Bischof willkommen zu sein, ja mitleidig aufgenommen und zu ihrer Flucht beglückwünscht zu werden.

Aber der Bischof war alles andere als erfreut und hatte Michael mehr verhört als befragt. Als er die ganze Geschichte kannte, war er immer noch misstrauisch gewesen.

„Wie soll ich sicher sein, dass Ihr wirklich die Burgleute seid und nicht ein Trupp Aufständischer, der innerhalb meiner Mauer die Waffen zieht?“

„Aber Eure Exzellenz“, antwortete Michael. „Es sind Kinder, Frauen und alte Leute dabei. Es sind Bäcker, Köche, Viehhirten und Kammerzofen. Davon könnt Ihr Euch überzeugen. Außer einem halben Dutzend Rittern, ist niemand von diesen Leuten in der Lage, eine Waffe zu gebrauchen.“

„Aber wo ist der Stadtherr?“ fragte der Bischof.

Der Ritter zuckte die Schultern. „Wir wissen es nicht. Er ist mit uns in den geheimen Tunnel gegangen, aber dann hat ihn niemand mehr gesehen. Wir glauben, dass er sich mit Ritter Wentzel und dem Gold im Wehrturm eingeschlossen hat und auf Eure Hilfe wartet.“

Der Bischof wurde hellhörig. „Ihr habt das Burgvermögen sichern können?“

„Aber ja“, antwortete der Ritter. „Alle starken Männer haben schwere Bündel mit Gold getragen, bis wir unter dem Wehrturm angekommen sind. Und weil wir mit dem Geld nicht hätten über die Ebene rennen können und es zu unsicher gewesen wäre, einen so großen Schatz durch den Wald zu tragen, haben Wentzel und der Stadtherr entschieden, das Geld im Kerker einzuschließen.“

„Sehr klug aber auch sehr riskant“, sagte der Bischof nachdenklich.

„Nun gut,“ sprach er dann. „Ich will Eure Leute beherbergen. Aber sie müssen im Hof bleiben. Kammern habe ich nicht für so viele Menschen und ich will auch nicht, dass sie hier in den Gebäuden herumlaufen. Immerhin ist das hier ein Ort des Glaubens und des Gebets.“

Und so wurden die Geflohenen in den Hof des Bischofssitzes eingelassen. Sie verteilten sich mehr schlecht als recht. Rundherum gab es eine überdachte Galerie und alle versuchten, dort einen trockenen Platz zu bekommen. Da aber der Platz nicht reichte, entbrannten bald Streitigkeiten. Die Ritter redeten den Leuten gut zu und sorgten dafür, dass sie mehr zusammenrückten, damit alle einen trockenen Platz fanden.

Anna und ihr Hund hockten in der Nähe des Tors. Eine um die andere Stunde verging, aber niemand schien sich um die Menschen zu kümmern. Es gab kein Wasser, kein Essen, keine trockenen Decken. Die meisten zitterten vor Kälte. Die letzten Reste des Proviants wurden hervorgeholt und auch Anna schaute, was ihr Beutel noch hergab. Sie teilte ihr durchweichtes Brot und den letzten Rest Speck mit dem Hund, dann hatte sie nichts mehr außer einem Apfel, den sie allein aufaß, denn der Hund wollte das Obst nicht.

Als der Nachmittag schon in ein Dämmerlicht überging, wurde das Tor geöffnet. Von draußen fuhr ein Pferdegespann mit einem großen Wagen in den Hof und hielt in der Mitte an. Die Pferde wurden ausgespannt und weggeführt. Die Plane des Wagens wurde aufgerollt und Anna stockte das Herz, als sie die Mutter Oberin und einige Schwestern aus dem Kloster erkannte. Sofort rückte sie noch etwas tiefer in ihre Ecke und zerrte an ihrer feuchten Kapuze.

Die Nonnen luden große Töpfe und Säcke vom Wagen ab und errichteten eine Garküche im Hof. Feuer wurden entzündet und riesige Kessel darüber gehängt. Die Schwestern bereiteten Kräutertee und Gerstenbrei. Während der Brei kochte, gingen sie mit einfachen Bechern und heißem Tee durch die Reihen der Flüchtlinge. Dankbar tranken die Leute.

Zumindest die Kinder und Alten erhielten jetzt auch trockene Decken. Als eine der Schwestern zu Anna kam, hielt sie ihren Blick gesenkt. Sie nahm ein paar Schlucke Tee und brummte einen Dank.

Es war schon dunkel, als der Brei fertig war. Die Ritter befahlen den Leuten, sich in eine Reihe aufzustellen. Und so zogen alle einzeln zu den Töpfen, erhielten eine hölzerne Schale und einen Löffel und dann eine Kelle voller Brei. Gegessen wurde im Stehen, denn die Schüsseln und Löffel mussten sofort für die Nächsten zurückgegeben werden.

Anna blieb nichts anderes übrig, als sich einzureihen. Sie hatte auch gar nichts gegen warmen Gerstenbrei, aber sie schwitzte vor Angst, als sie sah, dass die Oberin selbst das Essen verteilte.

Anna hielt unter ihrer Kapuze den Blick auf ihre leere Schale gerichtet, als sie bei der Oberin ankam. Die tauchte ihre Kelle in den Topf, hob sie gefüllt heraus und dann stockte sie kurz. Anna riss sich zusammen, um nicht aufzublicken. Der Brei landete in ihrer Schale und Anna machte sich schleunigst aus dem Licht des Feuerscheins davon. Sie schlang die Hälfte ihres Breis hinunter, fuhr mit den Fingern in die Schale und hielt dem Hund ihre gefüllte Hand hin. Der schleckte sie gierig leer, und putzte sie dann sorgfältig mit seiner Zunge sauber.

„Komm, Kleiner“, flüsterte Anna ihm dann zu. „Wir wollen sehen, ob wir hier im Schutz der Nacht irgendwie hinauskönnen.“

Sie kehrte wieder zurück auf ihren Platz am Tor. Aber das Tor war fest verschlossen und eine Wache stand davor. Anna tat so, als ob sie im Sitzen eingeschlafen sei. Sie wollte warten, bis alle schliefen und dann erkunden, ob es irgendwo einen Garten oder etwas dergleichen gab, wo sie über eine Mauer klettern oder durch einen Zaun schlüpfen konnte.

Wer aber sehr, sehr müde ist, einen Bauch voller warmem Brei hat und so tut, als ob er schläft, der ist bald wirklich eingeschlafen. Und so schlief Anna zusammengekuschelt mit ihrem Hund die ganze Nacht hindurch.

Geweckt wurde sie von einer Stimme. Jemand stand direkt vor ihr und rief: „Heda, Junge, steh auf, du kannst dich nützlich machen!“

Anna schrak hoch. Vor ihr stand die Mutter Oberin und blickte ihr direkt in die Augen.

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