20.

Eine klare Nacht hatte sich über die Stadt gesenkt. Nach und nach waren die Menschen von dem großen Zug auf die Burg in ihre Häuser zurückgekehrt. Die meisten hatten viel weniger Beute heimgebracht, als erhofft. Viele Blessuren waren zu versorgen und es verbreitete sich die Nachricht, dass der Stadtherr mit seinem Gefolge geflohen war.

Oben auf der Burg war Ruhe eingekehrt. Die letzten Aufständischen, die nicht hatten glauben können, dass es nur so wenig zu erbeuten gegeben hatte, hatten mit dem schwindenden Tageslicht die Burg verlassen. In den Weinkellern schnarchten viele Männer nach saufseligen Gelagen.

Auf dem leeren Burghof wehte leise raschelnd ein frischer Wind Laub über die zertretenen Reste des Überfalls. Derselbe Wind nahm die letzten Rauchwolken mit und öffnete einen weiten Sternenhimmel.

Die vier Ritter hatten sich eins der größeren Gemächer gesucht und ein Feuer im Kamin entzündet. Auch sie hatten sich im Weinkeller bedient, hielten allerdings mit ihrem Fässchen Maß und saßen schweigend über den gefüllten Bechern.

„Was haben wir zu erwarten?“ brach Ritter Friedrich schließlich das Schweigen.

Leopold kratzte sich nachdenklich den rostfarbenen Bart. „Der Stadtherr wird mit seinem Gold eine Streitmacht anheuern und zurückkehren.“

„Wo soll er so viele Soldaten herbekommen?“ fragte Franz.

„Er weiß genau, dass wir nur normales Volk bewaffnet haben“, erwiderte Lukas. „Und jetzt sind die Leute verzagt. Eine gar nicht so große Schar kriegserfahrener Kämpfer, die gut genährt und gut geführt sind, und wir können die Stadt und die Burg direkt wieder zurückgeben.“

Ein lautes Klopfen ertönte an der Tür des Gemachs.

„Wer da?“ rief Lukas.

„Hier ist Wentzel, macht auf!“

„Wer ist Wentzel?“ fragte Lukas, aber Franz war schon aufgesprungen und zur Tür geeilt.

„Wentzel, welche Freude, Euch zu sehen! Ich hatte schon Sorge, dass Euch etwas zugestoßen sein könnte!“ rief Franz und schlug dem eintretenden Recken erfreut auf den Rücken.

„Mir doch nicht!“ dröhnte der Ritter und schlug seinerseits Franz auf die Schulter.

Die anderen Ritter hatten sich erhoben und schauten den Eingetretenen fragend an.

„Ich will Euch Ritter Wentzel vorstellen“, sprach Franz und führte den Neuen zum Tisch. „Er ist derjenige, der uns die Waffen und das Schießpulver geliefert hat.“

Die Männer begrüßten sich, reichten Wentzel einen Becher Wein und ließen sich wieder nieder.

„Willkommen, Herr Wentzel“, sprach Lukas. „Und habt Dank für Eure Unterstützung. Immerhin sitzen wir mit Eurer Hilfe jetzt hier auf der Burg, auch wenn unser Sieg zweifelhaft und nicht von langer Dauer ist.“

„Sagt“, hob Ritter Friedrich an, „wie habt Ihr es angestellt, so viele Speere und Schwerter in die Stadt zu schmuggeln? Das habe ich mich die ganze Zeit schon gefragt.“

Wentzel nahm einen großen Schluck Wein und grinste stolz. „Ich habe sie nicht hineingeschmuggelt. Sie waren schon da!“

Die anderen runzelten fragend die Stirn. Wentzel genoss seine Überlegenheit. „Es waren die Waffen des Stadtherrn! Ich bin der engste Vertraute des Stadtherrn in Kriegsangelegenheiten.“

Misstrauisch ließen die anderen ihre erhobenen Becher sinken. „Oh, entspannt Euch! Ich war dieses Taugenichts von Stadtherrn schon lange überdrüssig. Da kamen mir der Aufstand und Euer Angebot gerade recht.“
Er lachte zufrieden und trank erneut aus seinem Becher. Dann wurde seine Mine ernst.

„Aber viel Glück haben Euch die Waffen nicht gebracht!“

„Jemand hat uns verraten!“ Der drohende Unterton in Lukas Stimme war nicht zu überhören. Er mochte diesen schwarzbärtigen Wentzel nicht und misstraute jedem, der mit dem Stadtherrn vertraut war.

„Ho, Herr Lukas“, beschwichtigte Wentzel. „Ich bin dieser Verräter nicht, aber ich weiß, wer es ist, denn ich habe ihn gesehen.“

Die Ritter fuhren alle zu ihm herum.

„Wer?!“ rief Lukas voller Zorn.

„Diese kleine Ratte Magnus!“ sagte Wentzel trocken und genoss das Erstaunen der Ritter.

„Niemals“ flüsterte Lukas.

„Oh doch! Er hat dafür vom Stadtherrn eine beträchtliche Summe kassiert. Kam einfach so auf die Burg spaziert und hat von Eurem Plan erzählt. Und dann hat er den Stadtherrn, sein gesamtes Gefolge und alle, die auf der Burg wohnten, durch diesen Geheimgang hinausgeführt.“

„Geheimgang?“ riefen die vier anderen wie im Chor.

Über Wentzels Gesicht huschte ein Frohlocken. „Ach, Ihr wisst gar nichts davon?“ fragte er scheinheilig.

„Nichts, was uns nicht die alten Weiber erzählt haben, als wir noch Kinder waren. Dann ist es also wahr, dass es einen Gang von der Burg in die Stadt gibt?“

„Nicht in die Stadt, sondern vor die Stadt", log Wentzel. "Der Gang kommt irgendwo im Wald heraus. Ich kann nicht genau sagen wo, denn es war Nacht als wir hinauskamen und ich habe mich sofort auf den Weg zurück in die Stadt gemacht.“

„Und wohin sind die anderen alle gegangen?“

„Sie wollten zum Bischofssitz. Dürften inzwischen dort angekommen sein. Obwohl sie schwer zu schleppen hatten, an all dem Gold.“

Resignierte Seufzer wurden in der Runde laut.

„Ausgerechnet Magnus“, sprach Lukas leise.

„Tja, denkt man nicht bei dem mageren Bürschchen, was?“, bemerkte Wentzel. „Aber er hat es faustdick hinter den Ohren.“

„Und ist er mit den anderen zum Bischof gegangen?“

„Möglich“, antwortete Wentzel. „Aber Verräter machen sich ja meist allein aus dem Staub. Niemand vertraut ihnen.“

„Was ist eigentlich mit seinem Mädchen, der Korbflechterin?“ fragte Lukas. „Sollten wir die nicht mal aus dem Kerker holen?“

Wentzel erstarrte einen Moment. Schnell sagte er: „Ein Mädchen, ja, er hatte ein Mädchen dabei. War das die verurteilte Hexe? Hab sie gar nicht erkannt in der Dunkelheit.“

„Dann hat er sie also befreien können“, sagt Lukas nachdenklich. „Und ich habe gedacht, er hätte auch die Stadt befreien wollen.“

Betreten schwieg die Runde und die Männer schauten nachdenklich in ihre leeren Becher.

„Und was machen wir jetzt?“ fragte schließlich Ritter Franz.

„Erstmal sammeln wir die Waffen wieder ein, würde ich sagen“, sprach Wentzel. „Und dann bilden wir fünf eine provisorische Stadtregentschaft. Das Volk braucht Führung. Gerade jetzt, wo sie nicht wissen, ob sie gewonnen oder verloren haben. Lassen wir sie glauben, sie hätten gewonnen und wir seien ihre Befreier!“

Nicken und gemurmelte Worte der Zustimmung kamen aus der Runde. Nur Ritter Lukas hatte schmale Augen bekommen. Es gefiel ihm nicht, dass dieser Wentzel hier auftauchte, über alles Bescheid wusste und jetzt sogar den Ton angab. 

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