2.

Es waren raue Zeiten! Die wenigsten Menschen in der Burgstadt hatten wirklich genügend Brot. Es gab viel Arbeit für wenig Lohn und der Unrat schwamm auf den regennassen Straßen. Ratten fristeten darin ein kaum schlechteres Dasein als die Menschen. Und der Tod zog von Tür zu Tür, denn viele waren krank.

Anna, das Waisenmädchen, schaute sich in der Stadt um und ging dann wieder hinaus vor die Tore. Dort lief sie an den Bach und sammelte Zweige und Binsen. Daraus flocht sie geschickt einige hübsche Körbchen und band Reisigbündel zu kleinen Besen zusammen. Flink machte sie sich wieder auf in die Stadt und bot in den oberen Stadtringen, wo die Häuser größer und schöner waren, ihre Körbchen und Besen feil. Und weil ihr Handwerk gut war, fanden sich einige freie Bürger, die gerne ihre Waren kauften. Und so tat sie es immer wieder, bis sie genügend Geld für eine winzige, windschiefe Hütte zusammen hatte, in der sie immerhin sicher schlafen konnte.

Und so fand das Mädchen ein Auskommen. Anna hielt ihre bescheidenen Kleider reinlich und flickte sie sorgfältig, so wie sie es im Kloster gelernt hatte. Sie kämmte ihr Haar und vergaß nie, ein sauberes Tuch umzubinden, bevor sie auf die Straße trat. Fleißig rührte sie sich von früh bis spät und formte mit ihrer Flechtkunst vielerlei praktische Dinge. Ihre Hände waren hart und voller Schwielen, obwohl sie es verstand, sie mit Talg etwas geschmeidiger zu halten. Aber das Biegen der Weidenzweige und Rinden im kalten Bachwasser war harte Arbeit.

Eines Tages, als sie wieder einmal in den oberen Gassen der Stadt ihre Körbchen feilbot, trat ein wohlgekleideter Herr auf sie zu. Er begutachtete ihre Arbeit und sagte: „Möchtet Ihr Eure Waren nicht auf dem Markt im Burghof verkaufen? Ich bin der Marktmeister und ein solches Handwerk fehlt uns noch.“

Freudig sagte das Mädchen zu, denn auf dem Burgmarkt durfte das gemeine Volk sonst nicht verkaufen. Die Bauern bauten ihre Stände auf den kleinen Plätzen in der Unterstadt auf, wo kaum ein kaufkräftiger Bürger je hinkam.

Einmal in der Woche machte sich Anna nun mit einem Handkarren voller Körbe und Besen auf den Weg zum Markt auf dem Burghof. Dieser Markt wurde hauptsächlich von reisenden Händlern bestellt, die wunderbare Waren aus aller Herren Länder brachten: prachtvolle Seide, feines Leinen, süße Früchte und allerlei fremdländisch duftende Gewürze. Die Küchen und das Backhaus der Burg sorgten für Speis und Trank. Nur wenige Bürger der Stadt hatten hier oben ihren Marktstand. So wie etwa der Feinschmied oder der Bader. Hier oben kauften die edleren Leute, die Diener der Burgherren, die Kammerzofen und Köche und manchmal sogar ein Ritter oder gar die Damen des Hofes selbst. Und sie zahlten gutes Geld für gutes Handwerk.

Auch Annas Körbe wurden gern genommen. Und so konnte sie den Zins für ihre Hütte und auch ihren Zehnten an den Stadtherrn zahlen, ohne dass sie hungern musste. Es blieb sogar etwas übrig, dass sie sich etwas Wollstoff kaufen und sich ein neues Gewand und ein feines Schultertuch nähen konnte.

Eines Tages bequemte sich der Stadtherr selbst auf den Markt in seinem Burghof. Er war, wenn auch etwas gedrungen, so doch ein stolzer Mann, dem man seinen Reichtum und die vielen guten Mahlzeiten ansah. Der Stadtherr hielt große Stücke auf seinen besonderen Markt. Er duldete dort nur frischeste und beste Ware und keinerlei Unrat. Die Händler hatten sich der feinen Sprache zu bedienen und mussten wohlgewandet sein. Seine Gäste und die Damen der Burg, sollten stets einen Eindruck von Wohlstand und Erlesenheit erhalten.

Und so spazierte der Stadtherr in einem prachtvollen weinroten Samtrock mit goldenen Stickereien über seinen Markt. Einige adelige Damen und Herren, die auf der Burg zu Gast waren, begleiteten ihn. Der Stadtherr führte sie stolz von Stand zu Stand und pries die Kostbarkeit der Waren.

Als er das Mädchen mit ihren Körben und Rindentrögen erspähte, ließ er den Marktmeister zu sich rufen. „Wer ist dieses Kind?“ fragte er ihn so, dass die feinen Leute ihn nicht hören konnten. „Wo kommt es her?“

„Es ist ein Waisenmädchen aus der Unterstadt, Herr“, antwortete der Marktmeister.

Dem Stadtherrn gefiel das nicht. „Wie kann ein Waisenmädchen so fesch daherkommen und auf unserem Markte stehen?“

„Das Mädchen arbeitet fleißig“, antwortete der Marktmeister. „Und ich habe noch nie so trefflich gefertigte Körbe gesehen.“

„Die Bauern auf den Feldern arbeiten auch fleißig und gehen nicht einher wie Edelleute! Warum zahlt dieses Mädchen keinen Zehnt und keine Marktpacht?“

„Aber das tut es, Herr! Sehr pünktlich sogar!“

Eine steile Zornesfalte erschien auf der Stirn des Stadtherrn. „Dann ist es zu wenig! Wenn in meiner Stadt ein Waisenkind solch gute Geschäfte macht, dann habt Ihr versagt! Ich dulde keine Bauern und keinen Mob auf meinem Markt!“

„Entschuldigt Herr!“ beeilte sich da der Marktmeister zu sagen. „Dann werde ich dem Mädchen sagen, dass sie nicht mehr wiederkommen soll!“

„Oh nein, das werdet Ihr nicht tun!“ sprach der Stadtherr und verzog den Mund zu einem gehässigen Grinsen. „Es wird vielleicht Zeit, dass wir an diesem Gör ein Exempel statuieren! Hier können keine Bauernkinder kommen und gehen, wie sie wollen.“ Und damit entließ der den schwitzenden Marktmeister, der froh war, nicht seines Amtes enthoben worden zu sein.

Als der nächste Markttag gekommen war, traten auf einmal zwei große Büttel auf Anna zu und ergriffen sie links und rechts an den Armen. Das Mädchen erschrak und rief: „Was wollt Ihr, was habe ich getan?“

„Brot hast du gestohlen“, riefen die Büttel und holten hinter ihrem Rücken einen schönen, weißen Laib hervor.

„Das habe ich nicht!“ rief Anna. „Noch nie habe ich weißes Brot auch nur angerührt! Und ich habe die ganze Zeit hier bei meinen Körben gestanden. Wie soll ich da Brot stehlen?“

Aber die Büttel waren unerbittlich und zerrten sie mit sich. Sie wurde hinunter in die Stadt und bis zum Wehrturm verschleppt und darin eingeschlossen.

Und so fand sich Anna, die Korbflechterin, mit verschmutzten Kleidern in einem Verlies wieder, das nur oben, unter der niedrigen Decke, ein einziges, mit dicken Eisenstäben vergittertes Fenster hatte, das direkt auf die Gasse führte. Unrat fiel von dort herein und Regen und Schlimmeres tröpfelten die steinerne Wand hinunter.

„Ach je,“ weinte das Mädchen, „wie ist mir nur geschehen? Ich habe doch nichts Unrechtes getan!“

Und sie rief um Hilfe aber niemand hörte sie, denn draußen war bereits die Nacht hereingebrochen und es wurde dunkel und kalt.

Als die Sonne aufging, fand nur ein kleiner, fahler Strahl den Weg in den Kerker, in dem das Mädchen die Nacht weinend und frierend verbracht hatte. Auf der Gasse erwachte das Leben, aber Anna sah nur Füße vorbeigehen. Niemand hörte auf ihr Rufen und wenn, dann wurde sie verlacht oder jemand trat noch etwas mehr Unrat durch die Gitterstäbe.

Am Mittag öffnete ein Büttel die schwere Eisentür und stellte wortlos ein Stück graues, vertrocknetes Brot und einen Krug Wasser auf den Boden.

Und als der Abend dämmerte, wurde Anna gewahr, dass ihr niemand helfen würde. Sie war ganz allein in ihrer Not. Und da gedachte sie der Goldmünze, die noch immer in ihrem Gürtel verborgen war. Sie holte sie hervor und betrachtete im schwindenden Licht ihren Glanz. Die Oberin hatte gesagt, dass die Münze in der höchsten Not Türen öffnen konnte. Und ihr schien, dass dafür jetzt die richtige Zeit gekommen war.

„Morgen will ich die Münze dem Büttel geben. Gewiss lässt er mich dann laufen,“ dachte sie.

Aber in der finsteren Nacht erinnerte sich das Mädchen an die Worte der Oberin: „Der Zauber wirkt nur, wenn mit der Münze kein Handel getrieben wird.“

Am Morgen des zweiten Tages war alles wie am ersten Tag. Niemand hörte auf ihr Rufen, der Büttel kam mit Wasser und Brot und ging wieder und die Verzweiflung des Mädchens wuchs, bis der Abend dämmerte.

Wieder nahm es die Münze in die Hand. „Ich will sie morgen doch dem Büttel geben“, dachte Anna. „Ich werde einfach sagen, dass ich sie ihm schenke, wenn er mich hinauslässt. Dann ist es kein Handel.“

Aber in der finsteren Nacht erkannte sie, dass es doch ein Handel war und der Zauber nicht wirken würde. Der Büttel würde ihre Münze nehmen und sie trotzdem nicht frei lassen. Weinend schlief sie ein.

Als der dritte Tag erwachte, war alles genauso. Niemand hörte auf ihr Rufen, der Büttel kam mit Wasser und Brot und ging wieder und Annas Verzweiflung wuchs, bis der Abend dämmerte.

Da hörte sie von der Gasse ein Geräusch. Ein streunender Hund schnüffelte an den Gitterstäben und erspähte das Mädchen im Kerker. Neugierig sog er ihren Geruch ein und schaute sie an.
„Na, Kleiner,“ sagte Anna und der Hund wedelte.

„Hast du Hunger?“ fragte sie, froh, mit jemandem sprechen zu können – und sei es nur ein Hund. Sie brach ein Stück von ihrem trockenen Brot ab und reichte es dem Hund, der es hungrig verschlang. Das Tier versuchte, seine Nase durch das Gitter zu stecken und Anna kraulte das struppige Fell hinter seinen Ohren.

Und dann folgte sie voller Verzweiflung einer Eingebung. Sie nahm die Münze, barg sie wieder in ihrem Gürtel und band den Gürtel um den Hals des Hundes.

„Lauf mein Lieber!“ sprach sie zu dem Hund. „Lauf und bring mir Glück!“

Und der Hund lief mitsamt ihrer goldenen Münze davon.

In der finsteren Nacht schalt sich das Mädchen selbst für ihre Dummheit. Aber ihre Münze war unwiederbringlich fort.

 

 

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