19.

Ritter Lukas von Rossen fluchte, als im Morgengrauen irgendein Dummkopf ohne Befehl seinen Speer hinauf zu den Zinnen schickte. „Halt“, rief er wütend, „vergeudet keine Waffen!“ Es würde schwer werden, diese unerfahrenen Kämpfer in Schach zu halten.

Er stand vor dem Burgtor. Seine besten Bogenschützen hielten die gesamte Mauer im Auge. Aber wahrscheinlich würde es dauern, bis der Burgherr eine Verteidigung aufgestellt hatte. Noch war nicht zu erwarten, dass auf sie geschossen wurde.

Und tatsächlich blieb es still auf der Burg, während eine fahle Sonne hinter ihm über den Horizont stieg. Als es ganz hell war, ließ Lukas zum Zeichen, dass er etwas verkünden wollte, ein Horn blasen. Laut erscholl der langgezogene Ton in der angespannten Stille.

Sie warteten. Auf der Burg regte sich nichts. Die Menge wurde unruhig. Lukas hörte Flüstern und Bewegungen. Schließlich trat er vor und rief zur Mauer hinauf:

„Wir rufen den Herrn der Stadt. Die Burg ist umstellt und eine große Streitmacht steht bereit. Wenn Euch Euer Leben lieb ist, dann öffnet die Burgtore und ergebt Euch!“

Während er sprach war die Menge verstummt. Seine Stimme verhallte in einer unheimlichen Stille. Aber niemand ließ sich oben zwischen den Zinnen blicken.

Nochmals ließ Lukas das Horn blasen und nochmals rief er seine Aufforderung hinauf zur Burg.

„Die Feiglinge beraten sich noch“, spottete ein Ritter hinter ihm.

Nachdem das Horn ein drittes Mal erschollen war und wieder keine Regung auf Lukas Ruf folgte, stieg das Raunen der Menge wieder an. Obwohl die Parole gegeben war, still zu bleiben, wurden die ersten ungeduldigen Rufe laut.

„Ergebt euch!“, „Wir holen uns sowieso, was uns gehört!“, „Ihr habt jetzt schon verloren!“

Lukas musste handeln, bevor seine Befehle nicht mehr hörbar sein würden. Dies waren keine gehorsamen Soldaten, sondern wütende Aufständische.

„Die Fässer unter die Tore!“ brüllte er über die Menge hinweg und Jubel brach aus.

„Zurück!“ schrie Lukas die Umstehenden an und sie gehorchten sofort. Durch eine Gasse zwischen den Wartenden rollte Ritter Franz ein großes Fass. Er legte es direkt unter das Burgtor und winkte einem Fackelträger, der die Lunte entzündete.

„Alle weg!“ brüllte Franz und die Menge wich weit von der Burgmauer zurück.

Die Spannung dauerte fast unerträglich lang an, bis eine mächtige Detonation und ein Blitz folgten, die das Burgtor in tausend Stücke zerschmetterten. Brennende Holzstücke flogen weit bis in die Menge. Schreckens- und Schmerzensschreie wurden laut. Unmittelbar darauf explodierten zwei weitere Fässer an den geringeren Burgtoren zur Rechten und zur Linken.

Jetzt gab es kein Halten mehr. Die Menge rannte brüllend und die Waffen schwingend durch die gesprengten Tore und strömte vollkommen ungeordnet in die Burg. Lukas erkannte, dass jeder Versuch, den Angriff zu koordinieren, vergebens war. Er drang mit gezogenem Schwert zwischen den anderen in die Burg ein, sprang auf die nächstgelegene Mauer und blickte sich suchend um. Dort, wo die meisten Wachen zur Verteidigung bereitstehen würden, dort würde er auch den Stadtherrn finden. Er wollte ihn lebend fangen.

Aber er sah keine Wachen, keine Ritter, keine Bogenschützen. Die Aufständischen strömten wie Ameisen in die Höfe, Häuser, Flure und Hallen. Sie begannen sofort damit, zu plündern. Lukas beobachtete fassungslos, wie die Lage vollkommen außer Kontrolle geriet. Schon stritten sich die ersten um Teile ihrer Beute. Die Ritter, welche die Aufgabe hatten, nach dem Kampf die Goldvorräte des Stadtherrn zu bergen, rannten mit kleinen Sprengfässern über den Hof und in die Gewölbe, in denen sie die Schätze vermuteten.

Hier und da knallten kleinere Explosionen. In der Küche und der großen Halle waren Kämpfe zwischen den Aufständischen ausgebrochen. Gruppen hatten sich zusammengerottet, um gemeinsam Möbelstücke und Wandbehänge zu erbeuten. Ein Mann, der mit einem Tabakfässchen unter dem Arm über den Hof rannte, wurde hinterrücks mit einer Lanze ins Bein gestochen und fiel zu Boden. Der Angreifer riss das Fässchen an sich und rannte auf das Tor zu.

Aus allen Teilen der Burg hörte man vielstimmiges Geschrei. In der Küche brach ein Brand aus und Rauch quoll aus Türen und Fenstern. Hustende Menschen mit Säcken voller Brot  rannten auf den Burghof, stießen mit anderen zusammen und verloren ihre Last. Brote, Früchte, Würste und ganze Schinken lagen überall auf dem Hof verstreut und wurden von den immer weiter hineinströmenden Menschen zu Schlamm zertrampelt.

Langsam dämmerte es Lukas, dass die Burg verlassen war. Jemand musste ihren Plan verraten haben. Und wenn der Burgherr und sein Gefolge weg waren, dann war gewiss auch alles weg, was an Geld und Gold tragbar gewesen war.

Fluchend stieß Lukas sein Schwert in den nächstbesten Balken, riss er es wieder heraus und machte sich dann schnurstracks auf in den höchsten Turm der Burg. Diesen hohen Ort hatten die Ritter sich als Treffpunkt auserkoren, wenn der Aufstand vorbei und der Stadtherr tot oder festgesetzt war.

Er kämpfte sich durch die johlenden Massen, bis er den Eingang zum Turm erreichte. Drinnen war es leiser und die enge Wendeltreppe nach oben leer. Jeder wusste, dass der Turm nur als Aussichtspunkt diente und dort weder Geld noch sonstige Beute zu erwarten war.

Als Lukas in der obersten runden Kammer angekommen war, ließ er sich auf die steinerne Bank fallen, die rundum an der Wand entlanglief. Er hörte das Getöse von unten und sah durch die tiefen Fensteröffnungen Rauch und Flammen. Es gab viel Gerenne und Aufruhr in den oberen Stadtringen.

Ganz weit unten, am Stadttor, sah er Menschen, die über die Ebene außerhalb des Stadtgrabens liefen. Jetzt bekommen sie schon Angst und fliehen aus ihrer eigenen Stadt, dachte er bei sich. In dem Moment hörte er Schritte auf der Wendeltreppe. Es war Ritter Leopold.

„Ah, Ihr seid schon hier!“ sagte er, als er die letzten Stufen heraufkam. „Schöner Schlamassel, da unten!“

„Jemand hat uns verraten“, knurrte Lukas.

„So sieht es aus“, konstatierte Leopold. „Sie sind entkommen.“

„Und sie haben ganz sicher, alles Geld mitgenommen.“

„Ist zu erwarten“, nickte der andere.

„Verflucht!“ Lukas stampfte wütend auf.

„Was jetzt?“ fragte Leopold.

„Erstmal warten wir auf die anderen.“

                                                    *

Als Wentzel im Wehrturm aus dem Brunnen stieg, blickte er sich schnell um. Keine Menschenseele war zu sehen. Sogar der Kerker war leer. Er fragte sich kurz, wohin sie die Hexe wohl gebracht hatten, aber dann hielt er sich nicht weiter mit diesem Gedanken auf.

Er schlich die Treppe hinauf. Auch in der Wachstube befand sich niemand. Das war das sicherste Zeichen, dass der Aufstand ausgebrochen war, denn die Wachstube durfte nie unbesetzt sein. Die Tür nach draußen war angelehnt aber nicht verschlossen. Die Wachen waren geflohen oder hatten sich dem Aufstand angeschlossen.

Wentzel schob den schweren Riegel vor. Hier kommt jedenfalls niemand mehr hinein, wenn ich es nicht will, dachte er. Dann eilte er zurück in den Kerker zum Brunnen und rief den Befehl nach unten, das erste Bündel heraufzuschicken.

Ein Sack mit Geld und Gold nach dem anderen zog der Ritter am Seil nach oben. Seine mächtigen Arme drohten lahm zu werden, aber der Gedanke an all den Reichtum ließ übermenschliche Kräfte in ihm wachsen. Er trug jedes einzelne Bündel in den Kerker. Als dort endlich ein ganzer Haufen lederner Säcke gestapelt lag, kam aus der Tiefe des Brunnens der Ruf „Das waren alle!“

„Lauft den anderen hinterher, ich komme nach!“ rief Wentzel nach unten.  

Dann schloss er die eiserne Kerkertür ab. Mit einem mächtigen Hieb seines Schwertes durchtrennte er die Kette, an welcher der Schlüssel hing und steckte ihn in sein Gewand. Das Gold war sicher. Wentzel kletterte an dem Seil in den Brunnen hinab.

Er ließ sich Zeit. Die anderen sollten weit voraus sein. Allein folgte er dem leeren Gang. Trotz dieser kleinen Ratte Magnus sah es so aus, als würde sein Plan gelingen. Ja, eigentlich spielte ihm der Verräter sogar in die Hände. Niemand unter den Aufständischen würde sich fragen, wo das ganze Gold geblieben war. Sie würden alle glauben, dass der Stadtherr und sein Gefolge es mitgenommen hatten. Zufrieden rieb er sich die klammen Hände.

Als Wentzel schließlich aus der Truhe im Haus des Baumeisters stieg, waren die Fliehenden längst über alle Berge. Er schaute sich im Raum um. Die Tür war nicht verriegelt, es waren nirgends Vorräte, es gab kein Feuerholz und der Kamin war kalt. Hier wohnte niemand.

Er schaute sich das Türschloss an und erkannte, dass ein Schlüssel fehlte und sich die Tür deshalb nur von innen verriegeln ließ. Umso besser, dachte er, und schob den Riegel vor. Wer immer diesen Schlüssel besitzt, kann nichts damit anfangen. Dann trat er an das kleine Fenster, vor dem ein geöltes Leder hing. Das dürfte so gerade reichen, sagte er zweifelnd zu sich selbst. Er holte den großen Kerkerschlüssel aus seinem Gewand. Besser er würde jedem Zufall zuvorkommen und den Schlüssel nicht bei sich tragen. Rasch kniete er sich vor den Kamin, legte den Schlüssel in die hinterste Ecke und streute so viel kalte Asche darüber, bis er nicht mehr zu sehen war.

Dann zog er seinen Harnisch aus, trat an das Fenster und spähte hinaus. Es war niemand zu sehen. Er schob den Harnisch durch das Fenster und dann, mit einem Stoßgebet, sich selbst hinterher. Fast blieb er mit seinem mächtigen Brustkorb stecken. Er presste alle Luft aus seinen Lungen und landete mit einem Ruck auf dem Boden der Gasse. Schnell blickte er sich um. Niemand hatte ihn gesehen.

Er legte den Brustpanzer wieder an und versicherte sich, dass die Haustür wirklich nicht von außen zu öffnen war. Dann rannte er los. Aber nicht den anderen hinterher zum Stadttor, sondern hinauf in die oberen Stadtringe, von wo er Tumulte, Schreie und immer mal wieder Detonationen hörte. Die Luft über der Burg war erfüllt von Rauch.

                                                             *

Kaum war der Ritter aus dem Fenster verschwunden, schob sich Magnus unter dem Bett hervor. Er tauschte die nassen Kleider eines Edelknappen gegen sein gewohntes Gewand, das immer noch im Haus des Baumeisters am Haken hing. Dann untersuchte er den Kamin und fand, wie erwartet, den Schlüssel zum Kerker. Er steckte ihn ein, entriegelte die Tür, trat hinaus und schloss von außen mit des Baumeisters Schlüssel ab.

 

 

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