18.

Magnus saß zusammengesunken im Kerker der Burg und hatte allen Mut verloren. Ausgerechnet Wentzel, der engste Berater des Stadtherrn, war ein Mitverschwörer der Aufständischen.

Magnus raufte sich im Dunkel des Kerkers die Haare. Was für ein unseliges Unterfangen hatte er da begonnen? Hätte er doch nie diese Münze an den Ritter gegeben. Seine Anna hätte er über den Geheimgang auch ohne Krieg und Aufstand befreien können.

Plötzlich blitzte es in Magnus Gedanken auf. Die Münze! Warum hatte Wentzel die Münze? War er so reich, dass er das Goldstück einfach so in Geld hatte wechseln können, um all die Waffen und das Schießpulver zu kaufen? Wer so reich war, würde eine eigene Burg besitzen und nicht um den Herrn dieser Stadt herumscharwenzeln. Die Münze hatte als Pfand für eine große Summe dienen sollen, die nach dem Sieg wieder zurückgezahlt werden würde. Dafür kamen nur hohe Adlige in Betracht. Wie aber kam sie in den Besitz von Wentzel? Magnus hatte eine böse Ahnung.

Seine Gedanken wurden dadurch unterbrochen, dass Schritte die steinernen Stufen zum Kerker herunterkamen. Das Licht mehrerer Fackeln blendete Magnus. Da waren zwei Wachen. Eine schloss seinen Kerker auf.

„Steht auf, der Stadtherr verlangt nach Euch!“

Magnus wurde hinaus auf den Burghof geführt. Es war kurz vor dem Morgengrauen. Nur wenige Fackeln brannten in den Händen der Wachen, aber Magnus konnte sehen, dass viele schweigende Menschen dort standen. Männer, Frauen und Kinder. Alle in warme Umhänge gehüllt und die meisten mit einem Bündel auf dem Rücken.

Der Stadtherr stand an der äußeren Burgmauer auf einer hölzernen Aussichtsplattform. Magnus trat zu ihm und der Stadtherr wies wortlos nach unten. Was Magnus sah, jagte eine Gänsehaut über seinen Rücken. Still wie eine mahnende Wache und dennoch bedrohlich wie der Tod standen hunderte und aberhunderte Menschen in den Gassen der oberen Stadtringe. Dicht an dicht. Unzählige Speerspitzen glänzten im Schein von Fackeln. Sie waren da und sie waren bereit.

Der erste winterliche Sonnenstrahl brach über den Horizont und tauchte die Szene in ein fahles Licht. Plötzlich ertönte ein Sirren und gleichzeitig unten aus der Menge ein wütender Schrei. Fast im selben Moment traf ein Speer auf die hölzerne Balustrade direkt neben ihnen und blieb zitternd stecken.

Magnus und der Stadtherr zuckten zurück und verbargen sich hinter einer hohen Zinne.

„Bringt uns hier raus“, knurrte der Stadtherr Magnus an.

Magnus aber rückte nah an ihn heran und sagte sehr leise. „Schaut genau auf den Speer! Erkennt Ihr ihn?“ Der Herr schaute aus seiner Deckung auf die Waffe und ein grimmiger Zug bildete sich um seinen Mund.

„Der eingeprägte Steinbock ist Euer Wappen, nicht wahr?“ fragte Magnus. Der Stadtherr starrte auf den Speer, antwortete aber nicht.

„Ein Verräter ist unter Euch, Herr“, sprach Magnus leise. „Es sind Eure eigenen Waffen, mit denen der Aufstand ausgerüstet ist.“

„Und es ist sicher auch mein gottverdammtes Schießpulver!“, fluchte der Angesprochene.

„Herr, Euer Leben ist in Gefahr. Ihr solltet auf unserer Flucht sehr vorsichtig sein. Unser Weg ist dunkel, da könnte jemand unbemerkt ein Messer ziehen.“

Angst stand in den Augen des Stadtherrn.

„Haltet Euch dicht bei mir,“ sagte Magnus. „Ich weiß ein Versteck für Euch, in dem Ihr erst einmal sicher seid. Ihr könnt es unbemerkt verlassen, wenn der Aufstand vorbei ist.“

Der Stadtherr wurde bleich. „Dann lasst uns keine Zeit verlieren“, sagt er und eilte zurück auf den Burgplatz.

„Hört Leute“, rief er gerade so laut, dass ihn die wartenden Burgbewohner hören konnten. „Wir verlassen jetzt die Burg über einen sicheren Fluchtweg. Euch wird nichts geschehen. Wir werden zum Bischofssitz gehen und dort Unterschlupf finden, bis dieser Aufstand vorbei ist. Sollte mir unterwegs irgendetwas zustoßen, dann folgt Ritter Wentzel.“

Magnus schloss für einen Moment die Augen. Ausgerechnet Wentzel vertraute er sein Gefolge und sein Vermögen an!

„Also los!“ sagte der Stadtherr zu Magnus. Der nickte und ging voraus. Zwei mit Schwertern bewaffnete Wachen flankierten ihn. Jeder trug eine Fackel. Direkt hinter ihm schritt der Stadtherr und seine engsten Gefolgsleute, darunter auch Wentzel. Und ihnen schlossen sich alle Burgbewohner an. Nur die Ritter trugen Fackeln. Viele Männer schleppten schwere Bündel auf ihren Rücken, in denen alles Geld und Gold, und jeder silberne Becher und edelsteinbesetzte Schmuck verpackt war, die auf der Burg zu finden gewesen waren.

Sie erreichten den Friedhof und Magnus fand schnell das Grab wieder.

„Dort unter der Platte ist der Eingang.“ Die Augen des Stadtherrn weiteten sich. Dann nickte er den Wachen zu, die sich daran machten, die Steinplatte zur Seite zu schieben. Ein Raunen ging durch die wartenden Menschen.

„Der Gang ist schmal und niedrig. Wir können nur hintereinander gehen“, erklärte Magnus leise.

„Die Ritter mit den Fackeln verteilen sich gleichmäßig in der Schlange und sorgen für einen geordneten Rückzug!“ sagte der Stadtherr. „Wentzel, Ihr bildet die Nachhut!“

Magnus erhaschte einen Blick auf das wütende Gesicht von Wentzel. Jetzt war er sich sicher, dass der Ritter ein doppeltes Spiel spielte.

Der Gang war so eng und niedrig, dass die großen Recken Mühe hatten, ihm gebückt zu folgen. Es ging nur langsam voran und große Lücken entstanden zwischen den einzelnen Flüchtenden. In der Dunkelheit konnten diejenigen, die etwas weiter von der nächsten Fackel entfernt waren, kaum etwas sehen. Der Tunnel war erfüllt von ängstlichen Stimmen und Befehlen, die versuchten, die Menschen zu beruhigen und das Vorwärtskommen zu beschleunigen.

Magnus hielt sich nahe am Stadtherrn. „Hört zu“, flüsterte er, „wir kommen bald an eine Tür, die den Gang teilt. Wenn der Letzte durch ist, kann sie so verriegelt werden, dass sie von der Burg aus nicht mehr geöffnet werden kann. Eventuelle Verfolger müssen dann zurückgehen." In kurzen Worten erzählte er von der geheimen Kammer, die ein sicheres Versteck bieten würde.

„Seid Ihr von Sinnen? Ich springe doch nicht in den Wassergraben. Wenn es diese Kammer nicht gibt, dann ersaufe ich!“  

„Nun, glaubt mir oder glaubt mir nicht. Wenn Ihr keine Kammer findet, dann wird Euch niemand daran hindern, durch das Fenster wieder hereinzukommen. Allerdings verläuft der zweite Teil unseres Weges durch einen so breiten Gang, dass der Verräter sich problemlos in der Dunkelheit an Euch heranschleichen und Euch umbringen kann.“

Der Stadtherr schwitzte vor Angst, während sie weiter den Gang entlanghasteten. Leise fluchte er vor sich hin, während er anscheinend versuchte, eine kluge Entscheidung zu treffen.

Magnus Anspannung war ebenfalls gewachsen. Einerseits hatte ihm der Zufall in die Hände gespielt, andererseits würde ihn dieser Zufall vielleicht den Kopf kosten.

„Hier ist eine Tür!“ rief der vorderste Wachmann.

„Öffnet sie“, sagte Magnus - und leise zum Stadtherrn: „Entscheidet Euch schnell. Niemand darf merken, dass Ihr durch das Fenster verschwindet.“

Die Tür schwang auf, der Stadtherr trat hindurch und sah das Fenster.

„Weiter, weiter“, trieb Magnus den Wachmann an, voraus in die Dunkelheit zu gehen. Die nächsten hinter ihnen waren noch ein Stück entfernt.

„Hol' Euch der Teufel, wenn Ihr gelogen habt!“ zischte der Stadtherr und schwang sich durch das Fenster in den Wassergraben. Als Magnus ihn prustend davonschwimmen sah, atmete er auf. Dieser Teil war geschafft. Er hastete hinter dem ersten Wachmann her.

Sie kamen jetzt schneller voran, denn der Gang war höher und breiter. Jetzt konnte sich auch Wentzel vorarbeiten und tauchte bald neben Magnus auf.

„Wo ist der Stadtherr?“ herrschte er ihn an.

Magnus zuckte die Schultern. „Ich weiß nicht. Ich glaube, er wollte zu Euch nach hinten gehen.“

„Ach, verflucht“ schimpfte Wentzel und setzte sich an die Spitze des Zuges.

„Wir kommen gleich in einem Brunnen aus“, erklärte ihm Magnus. „Es ist der Brunnen, im Wehrturm. Wir müssen durch das Wasser und gegenüber wieder in einen unterirdischen Gang.“

„Der Wehrturm?“ ein Flackern ging durch Wentzels Blick. „Kann man aus dem Brunnen heraussteigen?“

„Ja, aber dort könnten Wachen sein und er ist weit vom Stadttor entfernt. Wir würden entdeckt werden.“

Der Ritter ging wortlos weiter.

„Ich werde nach hinten gehen und den Stadtherrn suchen“, sagte Magnus. „Führt Ihr so lange den Weg an.“

„Das ist eine gute Idee“, stimmte Wentzel ein wenig zu schnell zu.

Magnus ließ sich von einer der Wachen eine Fackel geben und lief an den Flüchtenden vorbei zurück. Als er wieder an dem Fenster und der Tür angekommen war, wartete er, bis die Letzten hindurch waren. Alle hatten es so eilig, dass sich niemand darum kümmerte, die Tür wieder zu verschließen.

Magnus wartete eine Weile, verriegelte die Tür und bückte sich dann zu dem Bündel, das noch immer an der Wand auf dem Boden lag. Er nahm die feuchten Kleider und ein Stück geöltes Leder weg und hob darunter ein Fässchen hervor.

Seine Hände zitterten ein wenig, als er das Fässchen direkt hinter der Fensteröffnung in den Gang platzierte und die lange Lunte gerade hinlegte. „Und damit dürftest du gefangen sein, Leuteschinder“, flüsterte er, als er die Fackel an die Lunte hielt. Das Wachs begann sofort zu brennen und die kleine Flamme fraß sich langsam an dem Seil entlang. Einen Augenblick schaute Magnus zu, dann drehte er sich um und rannte den anderen hinterher den Gang entlang.

Bald schon traf er auf die letzten Flüchtenden und sandte ein Stoßgebet zum Himmel, dass sie weit genug entfernt waren. Als wäre nichts gewesen, überholte er zügig, aber so ruhig wie möglich den Menschenzug.

Nichts passierte, er hörte gar nichts. Magnus fürchtete schon, dass die Lunte ausgegangen war, als ein dumpfer Knall von hinten hörbar wurde und ein leichtes Beben durch den Tunnel lief. Die hintersten Leute schrien vor Schreck auf.

„Das war oben in der Stadt, sie sprengen die Burgtore auf“, rief Magnus. „Geht ruhig weiter, hier kann uns nichts passieren.“ Aber jetzt brach doch der eine oder andere in Panik aus und begann zu rennen. Die Ritter hatten alle Mühe, die Menge zu bremsen, so dass nicht einer über den anderen fiel.

Auch Magnus brauchte lange, bis er sich hier und da vorbeigequetscht hatte und am Brunnen anlangte. Kurz vor dem Wasser stauten sich die Menschen. Viele brauchten eine Weile, um sich hineinzutrauen. Alle, die eins der schweren Geldbündel trugen, mussten ihre Last absetzen, damit sie schwimmen konnten.

Überrascht beobachtete Magnus, dass die Geldbündel an ein Seil gebunden und nach oben gezogen wurden. Er erkannte das Seil mit der Kralle.

„Was geht hier vor?“ fragte er einen der Ritter, der anscheinend die Aktion überwachte.

„Wentzel schließt das Geld im Kerker ein. Es ist viel zu schwer für eine Flucht über offenes Land. Die Aufständischen würden uns überfallen und ausrauben. Hier liegt es sicher und wenn wir den Turm von innen verriegeln, kommt keiner heran, bis wir die Stadt zurückerobern!“ Es folgte ein schäbiges und siegessicheres Lachen. „Mit der Armee des Bischofs werden wir diesen Rabauken schon zeigen, wo es lang geht!“

Magnus aber ahnte, was Wentzel wirklich vorhatte.

Rasch folgte er den anderen durch den Brunnen. Auf dem letzten Stück des Ganges stauten sich die Flüchtenden und standen in banger Erwartung da.  Magnus wurde durchgelassen und bahnte sich einen Weg bis ins Haus des Baumeisters. Der Raum war gedrängt voller Menschen.

„Lasst mich durch“, rief er und kämpfte sich bis zur Tür vor. Da hing Annas Kleid! Gott sei Dank, sie war offenbar rechtzeitig geflohen. Nicht auszudenken, der Stadtherr hätte sie in der geheimen Kammer getroffen!

Vorsichtig öffnete er die Tür und lugte hinaus. Die Gassen waren leer, aber oben aus der Stadt erklangen Lärm und vielstimmiges Rufen und auch Detonationen. Der Aufstand war in vollem Gange.

„Die Straßen sind leer!“ rief er in den Raum. „Lauft geradeaus zum Stadttor. Wenn Euch jemand sieht, tut so, als wäret Ihr normales Volk!“ Und damit öffnete er die Tür und ließ die Menschen hinaus ins Licht.

Sie rannten in ihren nassen Kleidern auf das Stadttor zu und jeder Blinde hätte gesehen, dass dies kein normales Volk war. Aber weder Blinde noch Sehende waren heute im untersten Ring der Stadt unterwegs.

Als Magnus endlich allein war, kroch er rasch unter das Bett des Baumeisters und verbarg sich hinter der herabhängenden Decke.

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