16.

Magnus hastete durch den Gang, bis er den Brunnen erreichte. Wieder durchquerte er das Wasser, während er sein schweres Bündel, hoch über den Wasserspiegel trug. Als er die Laterne nachgeholt hatte, entledigte er sich rasch seiner nassen Kleider und holte aus dem Bündel die höfische Knappentracht hervor, die er von Ritter Lukas bekommen hatte. Er wrang die nassen Sachen aus, stopfte sie in seinen Beutel und schulterte ihn abermals.

Als er am Fenster zum Wassergraben angelangt war, legte er das Bündel hinter der Tür, die den Gang versperrte, ab. Er dachte an Anna, die jetzt, in der geheimen Kammer über dem Wasser, so nah war. Aber es blieb ihm keine Zeit. Er ergriff den schweren Eisenriegel. Ein Stoßgebet auf den Lippen, dass der Riegel weder festgerostet, noch auf der anderen Seite ein weiterer Riegel vorgeschoben war, zog er mit aller Kraft. Mit einem schwerfälligen, reibenden Geräusch bewegte sich der Riegel ein kleines Stück. Magnus zog noch einmal und noch einmal und jedes Mal rückte das Eisen ein kleines Stück weiter. Rostige Krümel fielen zu Boden. Hier war eine Ewigkeit niemand hindurchgegangen.

Endlich schlug der Riegel an seiner äußersten Position an. Bitte! dachte Magnus und zog an der Tür. Ein vibrierendes Quietschen ertönte, als das Holz über den blanken Steinboden ruckelte. Es knackte in den Angeln, Staub und Dreck rieselten aus dem Rahmen. Die Tür war auf!

Voller Erwartung streckte Magnus langsam den Arm mit der Laterne auf die andere Seite. Der Gang machte einen scharfen Knick nach rechts. Er bestand jetzt nicht mehr aus gemauerten Wänden, sondern war in den Felsen gehauen. Wahrscheinlich deshalb war er niedriger und enger. Magnus trat ganz hindurch und zog hinter sich ruckweise die Tür wieder zu. Wie er gehofft hatte, befand sich auf dieser Seite auch ein Riegel an der Tür. Mit ähnlicher Kraftanstrengung wie vorher, schob er das schwere Eisenteil zu.

Dann griff er seine Laterne und ging mit eingezogenem Kopf durch den engen Gang. Er führte immer stärker aufwärts, bis es regelrecht steil wurde und Magnus schwer atmete. Natürlich, dachte er, von der Stadtmauer zur Burg muss es ja nach oben gehen!

Er stieg und stieg, bis er nach geraumer Zeit plötzlich an einem blinden Ende des Gangs auskam. Er stand vor einer Wand! Da war einfach nichts mehr, nur der behauene Stein! Wie konnte das sein? Hatte er irgendeinen Abzweig nicht gesehen? Vielleicht eine verborgene Tür? Ihm sank das Herz. Denk nach, Magnus, sagte er zu sich selbst. Niemand macht sich die Mühe, einen so langen Tunnel in den Berg zu schlagen und hört dann einfach damit auf. Und niemand setzt eine schwere Tür mit zwei Riegeln ein, nur um einen blinden Gang zu verschließen.

Magnus tastete mit seinen Händen die Wände entlang. Er hob die Laterne, um vielleicht irgendwelche Zeichen oder Hinweise zu finden. Und da sah er etwas Seltsames: Eine Wurzel ragte von der Decke herab. Eine Wurzel? Er musste sich kurz unter dem Erdboden befinden. Ja, natürlich, der Ausgang des Tunnels ging oben durch die Decke!

„Lieber Gott, mach, dass da in all der Zeit kein Baum drauf gewachsen ist!“ flüsterte er, als er seine beiden Handflächen an die steinerne Decke legte und drückte. Er spürte eine Bewegung, ein ganz leichtes Nachgeben. Er war richtig, hier musste es hinausgehen.

Er versuchte, an verschiedenen Stellen zu drücken und tatsächlich rieselte an einer Ecke etwas Erde nach unten und er sah einen Lichtstrahl. Das war eine Steinplatte! Mit aller Kraft drückte und schob und stieß Magnus so lange, bis er die schwere Platte verschieben konnte. Er presste den Rücken gegen die eine Wand des Tunnels und die Füße gegen die andere, so dass er von weiter oben gegen die Platte drücken konnte. Und da gab sie endlich mit einem reißenden Geräusch nach und ließ sich so weit beiseiteschieben, dass Magnus vorsichtig durch die entstandene Öffnung schauen konnte.

Er sah und hörte niemanden und fasste den Mut, aus der schmalen Öffnung hinauszusteigen.

Als er herausgeklettert war und im schwindenden Licht des späten Nachmittags stand, traute er seinen Augen nicht. Er befand sich hoch auf der Burg. Aber nicht nur das: Er stand auf dem Burgfriedhof und war soeben einem Grab entstiegen! Das reißende Geräusch waren die Wurzeln der dichten Grasnarbe gewesen, die um eine uralte Grabplatte herumgewachsen war. Auf der Platte waren kein Name und kein Datum zu finden. Nur ein verwitterter Skorpion war kunstvoll in die Mitte gehauen worden.

Hastig blickte sich Magnus um, aber niemand war in diesem kleinen, umfriedeten Teil der Burg zu sehen.

Was für eine kluge Idee, dachte er, den Eingang zu dem geheimen Gang als Grab zu verstecken. Niemand würde auf den Gedanken kommen, ein Grab zu öffnen. So schnell er konnte, schob er den Stein wieder über die Öffnung und drückte das abgerissene Gras fest. Dann klopfte er sich den Schmutz aus der Kleidung. So, hier war er also. Jetzt kam der schwierigste Teil seines Plans und er hoffte, dass er ihn nicht den Kopf kosten würde.

Magnus verließ den kleinen Friedhof und fand sich schnell auf der Burg zurecht. Auf dem großen Platz, wo sonst der Markt abgehalten wurde, liefen Menschen hin und her und gingen ihrem Tagwerk nach. Niemandem fiel der fremde Besucher auf, denn es waren doch recht viele Knechte, Mägde, Kammerzofen und Knappen unterwegs. Der Stadtherr pflegte eine üppige Tafel, weshalb er ein beliebter Gastgeber bei Rittern und Adelsleuten war.

Je näher Magnus dem Haupthaus der Burg kam, desto intensiver duftete es nach frischem Backwerk und bratendem Fleisch. Sein Magen knurrte. Ihm wurde bewusst, dass er seit dem Morgen nichts gegessen hatte. Als eine Magd nahe an ihm vorbeiging, sprach er sie an:

„Wo kann denn hier ein hungriger Knappe etwas zu Essen bekommen?“

Die Magd lächelte ihn freundlich an. „Geht dort zur Küche. Gewiss werden die Köche Euch etwas geben können.“

Magnus folgte dem Rat der Magd und fand eine offene Tür, aus der die Hitze von Garfeuern und allerlei köstliche Düfte herausdrangen. Er brauchte gar nichts zu sagen. Ein dicker Koch, der gerade mit Wucht einen großen Teig bearbeitete, sah ihn und rief: „Hungrig Knappe?“

Magnus nickte. Da winkte ihn der Mann mit mehligen Händen herein. „Nehmt Euch dort eine Schale und bedient Euch an dem großen Topf. Brot liegt daneben.“

In dem großen Topf brodelte ein Gericht aus Wildfleisch und Wurzelgemüse. Magnus lief das Wasser im Munde zusammen, als er die Kelle ergriff und sich eine hölzerne Schale füllte. Die duftenden Brotstücke, die neben dem Topf lagen, waren innen weich, außen knusprig und noch warm vom Ofen.

„Lasst es Euch schmecken!“ rief der Koch ihm herzlich zu, als Magnus die Küche mit seinem Essen verließ und sich draußen auf ein Mäuerchen setzte. Der Eintopf war unglaublich köstlich. Magnus meinte, noch nie in seinem Leben etwas so Gutes gegessen zu haben.

Ihm schien, dass die Burg ein schöner Ort voller freundlicher Menschen war. Und ihm graute davor, dass hier in weniger als einem halben Tag Krieg herrschen würde. Ahnungslos verrichteten alle ihre Arbeit und er frage sich, ob die freundliche Magd und der vergnügte Koch morgen um diese Zeit noch am Leben sein würden. Fast verdarb es ihm den Appetit, aber Magnus zwang sich, seine Schale leer zu essen. Wer weiß, wann er wieder etwas bekommen würde. Wer weiß, ob das nicht meine letzte Mahlzeit auf Erden ist, dachte er bei sich.

Dann stand er von der Mauer auf, brachte die Schale zurück in die Küche und bedankte sich beim Koch. „Immer gern Junge, wer arbeitet, muss bei Kräften bleiben!“

Ja, dachte Magnus bei sich, und die Leute unten in der Stadt arbeiten und bleiben nicht bei Kräften. Ihm wurde jäh bewusst, dass es den Eintopf, der ihn gerade genährt hatte, und all das andere duftende Essen nur deshalb hier oben auf der Burg gab, weil das einfache Volk unten der Stadt fast gar nichts mehr hatte.

Magnus schüttelte den Kopf, wie um sich von diesen Gedanken zu befreien und machte sich auf die Suche nach dem Stadtherrn. An einer Seite des Burghofs befand sich ein prächtiges Tor, das von zwei Wachen flankiert war. Er trat auf die Wachen zu und sagte:

„Guten Tag, ich möchte gern mit dem Herrn der Stadt sprechen.“

Der Wachmann schaute ihn erstaunt an. „Ein Knappe will mit dem Stadtherrn sprechen? Wo ist Dein Herr? Und wer ist Dein Herr?“

„Ich bin der Knappe von Ritter Lukas von Rossen. Mein Herr befindet sich im Moment nicht auf der Burg, aber ich habe eine wichtige Nachricht von ihm zu überbringen.“

Der Wachmann nickte seinem Gefährten auf der anderen Seite des Tors zu und ging dann ins Innere des Hauses. „Folgt mir!“ befahl er Magnus.

Er wurde durch einen großen Flur mit Bögen und Säulen geführt. Kostbare Behänge schmückten die Wände und reich geschnitzte Truhen standen darunter. Schließlich gelangten sie zu einer großen, doppelflügeligen Tür.

„Wartet!“ gebot ihm der Wachmann und trat durch die Tür, die er hinter sich wieder schloss.

Magnus schlug das Herz bis zum Hals. Jetzt würde sich alles entscheiden.

Die Tür wurde wieder geöffnet und der Wachmann bedeutete ihm einzutreten. Magnus trat in eine hohe, leere Halle, in deren Mitte ein riesiger Tisch stand, der gewiss Platz für hundert Menschen bot. An beiden Seiten der langen Wände öffneten sich große Kamine in denen halbe Baumstämme brannten. Es war angenehm warm in der Halle.

Am hinteren Ende des leeren Tisches sah er den Stadtherrn vor Kopf sitzen. Rechts und links von ihm standen in einigem Abstand zwei Wachen. Magnus ging an der langen Tafel entlang, blieb vor dem Stadtherrn stehen und verbeugte sich.

Der Herr der Stadt saß auf nachlässige Weise in einem prächtig geschnitzten Stuhl. Seine rechte Hand ruhte am reich ziselierten Fuß eines Silberkelches, der vor ihm auf dem Tisch stand. Die Linke war auf die Stuhllehne gestützt.

„So, so, Lukas von Rossen hat eine Nachricht für mich!“ sagte er ohne Gruß. Abfälliger hätte er den Namen des Ritters nicht aussprechen können.

Magnus räusperte sich. „Genau genommen, Herr, habe ich eine Nachricht über Ritter Lukas von Rossen für Euch!“

Der Stadtherr spannte sich unmerklich an. Mit einer Geste seiner Hand forderte er den vermeintlichen Knappen auf, weiterzureden.

„Es ist aber“, und Magnus blickte zu den beiden Wachen, „eine geheime Nachricht. Ich kann Sie Euch nur unter vier Augen mitteilen.“

Der Stadtherr zog die Augenbrauen hoch. „Du nimmst dir viel heraus, Knappe!“

„Es tut mir leid, aber es ist zu Ihrer eigenen Sicherheit.“

„Durchsucht ihn nach Waffen“, befahl der Herr. Magnus wurde von den beiden Wachen grob gepackt, seine Taschen durchwühlt und seine Gewänder abgeklopft.

„Nichts“, sagte einer der Wachen.

„Dann verschwindet und wartet draußen!“

Die Wachen verließen den Saal.

„So, Bürschchen, wenn du mir jetzt nicht wirklich etwas sehr Wichtiges vorzutragen hast, dann wirst du es bereuen!“

Magnus fiel es unglaublich schwer, das, was er zu sagen hatte, auszusprechen. „Es wird einen Aufstand geben, Herr. Einen Aufstand unter der Führung von Ritter Lukas von Rossen und weiterer Ritter des Landes.“

Einen Moment lang rührte sich der Stadtherr nicht. Dann strafften sich ganz leicht seine Schultern. „Was redest du da für einen Blödsinn?“

„Mit Verlaub, es ist die Wahrheit, Herr. Schon morgen früh wird eine Armee vor den Burgtoren stehen.“

„Pah!“ der Stadtherr lachte laut auf. „Eine Armee? Woher soll der Habenichts von Lukas eine Armee haben?“

„Es ist das Volk, Herr, sie haben das Volk bewaffnet. Es gibt schon lange Unruhen und Unmut in der Stadt. Es war nicht schwer, den Mob aufzuwiegeln.“

„Bauern und Säufer?“ spottete der Stadtherr. „Und bewaffnet mit Heugabeln und Suppenkellen, vermute ich mal?“

Magnus blickte zu Boden und scharrte etwas mit den Füßen. „Sie haben Waffen“, fuhr er fort. „Speere, Schwerter und Messer. Es – äh – der Ritter ist unverhofft zu einigem Kapital gekommen.“

Jetzt wurde der Stadtherr langsam ärgerlich. „Kapital! Weißt du überhaupt, wie viel Kapital es braucht, ein paar tausend Leute zu bewaffnen? Was tischst du mir hier für Geschichten auf? Und selbst wenn. Die Burg ist uneinnehmbar und meine Bogenschützen werden dieses Pack von der Mauer aus in die Flucht treiben.“

„Entschuldigt, Herr, aber die Burg ist nicht uneinnehmbar, wenn“, ängstlich registrierte Magnus die wachsende Wut seines Gegenübers, „wenn man Sprengfeuer hat!“

„Sprengfeuer?“ brüllte der Stadtherr und sein feistes Gesicht lief rot an. „Was weißt du schon von Sprengfeuer?“

„Also ich weiß, dass man das Schwarzpulver in Fässer füllt und sie mit Deckeln verschließt, die ein Loch haben. In dieses Loch wird ein gewachstes Seilende gesteckt. Zündet man das Seil an, brennt es bis in das Schwarzpulver und dann explodiert das Fass.“

Der Stadtherr starrte ihn an.

„Ich habe selbst dabei geholfen, diese Fässer überall in der Stadt zu verteilen. Einhundertzwanzig kleine für den Einsatz in der Schlacht, vierzig mittlere und drei große um die Zugänge zur Burg aufzusprengen.“

Jetzt sprang der Stadtherr auf. „Ich lasse Euch den Kopf abschlagen! Was soll das hier sein? Schicken diese heruntergekommenen Ritter einen Knappen, um zu verhandeln?“

„Nein, Herr, mich hat niemand geschickt. Ich bin hier, um Euch zu retten und das Leben Eures Gefolges zu verschonen.“


„Bist du noch bei Trost, Junge? Ist das hier ein Streich meiner trunkenen Freunde? Morgen früh steht eine bewaffnete Armee vor meinen Toren und du willst mich davor retten?“

„Ja, Herr. Ich kenne einen geheimen Weg, der von der Burg aus hinunter in den untersten Stadtring führt. Über diesen Weg könnt Ihr mit Eurem Gefolge die Burg verlassen, bevor die Aufständischen die Tore sprengen, eindringen und alle töten werden.“

„Ich werd‘ irre“, sprach der Stadtherr zu sich selbst. Und dann lauter: „Wache!“ Magnus zuckte zusammen. Die beiden Wachmänner traten ein, die Hände bereits am Schwertgriff.

„Bringt mir den Ritter Wentzel her!“

Eine angespannte Stille trat ein, während sie warteten. Aber schon bald öffnete sich die Tür erneut und ein großer, schwarzhaariger, bärtiger Ritter trat ein. Er war offenbar wohlgelaunt, kam stracks ans obere Ende der Tafel heran und schlug dem Stadtherrn so respektlos auf die Schulter, wie es nur gute Freunde tun.

„Hoo, Freund, wie geht’s, wie steht’s? Wollt Ihr Euch vor dem Festmahl ein wenig mit mir warmtrinken? Und wer ist Euer hübscher junger Freund?“

„Setzt Euch Wentzel“, antwortete der Stadtherr knapp und der Ritter gehorchte.

„So, Knappe, oder was du bist, jetzt erzähl deine Geschichte nochmal! Hör ihm zu Wentzel und sag mir, ob ich dem Burschen den Kopf abhacken soll.“

Magnus straffte sich innerlich und hob noch einmal an: „Ich bringe die Nachricht, dass morgen früh eine bewaffnete Armee, bestehend aus dem aufgebrachten Stadtvolk vor den Burgtoren stehen und die Übergabe der Burg an ihre Anführer, einige Ritter unter der Führung von Lukas von Rossen fordern wird.“

„Ach der von Rossen wieder!“ warf Ritter Wentzel ein. Magnus fuhr fort.

„Die Aufständischen sind mit zahlreichen Sprengfeuern ausgerüstet, mit denen sie die Burgtore zerstören werden. Kommt es zum Kampf, werden zwar viele getötet, aber gegen die Masse des Stadtvolkes ist die Burgwache unterlegen. Ich bin hier, um dem Stadtherrn und seinem Gefolge einen Fluchtweg durch einen geheimen Gang zu zeigen, der von der Burg in den untersten Stadtring führt.“

„Und jetzt sag uns, warum du hier hereinspazierst und – falls du kein Lügner bist - die Aufständischen verrätst. Was willst du?“

„Eine Bezahlung natürlich“, antwortete Magnus schlicht. „Eine hohe Bezahlung. Euer Leben dürfte Euch das wert sein.“

Die beiden hohen Herren blickten sich an.

„Wachen!“ rief der Stadtherr abermals und dann sagte er zu Magnus: „Du gehst jetzt in den Kerker, Junge. Und wenn hier morgen früh keine Armee vor der Tür steht und es keinen geheimen Gang aus der Burg gibt, dann wanderst du direkt zu der Hexe auf den Scheiterhaufen. Aber vorher werde ich dich lebendig aufs Rad flechten lassen!“

Und damit ließ er Magnus abführen.

Als die Wachen mit Magnus den Saal verlassen hatten, trat abermals Stille ein. Nervös klopfte der Stadtherr mit seinem leeren Kelch auf dem Tisch herum.

„Ein Verräter!“ sagte er und blickte Wentzel an.

„Ihr glaubt ihm?“ rief der Ritter aus.

„Möglich ist es“, antwortete der Stadtherr unruhig. „Es würde mich nicht wundern, wenn dieser von Rossen sich an mir rächt, indem er den Pöbel aufwiegelt. Und die alten Weiber erzählen den Kindern seit Generationen von einem geheimen Gang, der unter der Stadtmauer bis zur Burg verläuft. Was also wenn der Junge Recht hat?“

„Dann brauchen wir schnell einen Plan!“ antwortete Wentzel. Er stand auf und ging einige Schritte hin und her. „Wir werden uns auf keinen Fall wie Feiglinge durch irgendein Wurmloch davonmachen und die Burg diesem albernen von Rossen überlassen.“

„Was wäre die Alternative?“ fragte der Stadtherr.

„Ich könnte die Burgwache durch den Geheimweg – falls er existiert - in den unteren Stadtring führen und die Aufständischen von hinten angreifen.“

„Habt Ihr den Verstand verloren Wentzel? Selbst ein Recke wie Ihr könnte es, mit nur einer handvoll Männern, nicht mit der gesamten Stadtbevölkerung aufnehmen. Und wollt Ihr etwa mich und alle, die hier auf der Burg leben, schutzlos ausliefern? Denkt an diese Sprengfeuer.“

„Und wenn wir uns von der Burg aus verteidigen? Wir haben Kanonen und könnten die Tore so verrammeln, dass sie auch mit ihren Sprengfässern nicht einfach kampflos durchkommen.“

„Uns bleibt zu wenig Zeit,“ erwiderte der Burgherr. „Die Sonne ist schon untergegangen und wir können nicht innerhalb einer Nacht in der Dunkelheit die Mauern kriegsbereit machen. Schon gar nicht können wir das, ohne dass es von der Stadt aus bemerkt wird.“

„Verflucht!“ rief Ritter Wentzel aus. „Wollt Ihr damit sagen, dass uns dieser Rossen in der Hand hat?“

„Nun ja“, überlegte der Stadtherr. „Wir haben einen Vorsprung. Wenn wir es geschickt anstellen, dann merken die Aufständischen erst spät, dass die Burg nicht mehr besetzt ist. Wir könnten also alle beweglichen Reichtümer und mein Gefolge in Sicherheit bringen. Und bevor irgendjemand etwas merkt, sind wir über alle Berge.“

Ritter Wentzel sprang aufgebracht von seinem Stuhl auf. „Aber wir sitzen in einer Burg! Es kann nicht sein, dass eine Burg vom Pöbel erobert wird! Ich bin ein Ritter, habt Ihr das vergessen? Ein Mann des Krieges, nicht der Flucht!“

„Eine Burg, ja“, antwortete der Stadtherr, „aber diese Burg kann sich nur zusammen mit ihrer Stadt verteidigen. Angreifer von außen müssten den Stadtgraben und die hohe Mauer überwinden und dann die Stadt, Ring für Ring erobern. Selbst mit Sprengfeuern wäre das ein mühsames Unterfangen, welches genügend Zeit gibt, eine kluge Verteidigung aufzubauen. Außerdem wird eine sich nähernde Armee immer rechtzeitig von Spähern entdeckt, um die eigenen Truppen zusammenzurufen. Wir aber haben die Widersacher innerhalb der eigenen Mauern!“

„Verräterisches Pack“, fluchte der Ritter.

Der Stadtherr schwieg.

„Was tun wir also jetzt?“ sprach Wentzel, als er seine Rage ein wenig in den Griff bekommen hatte.

„Wir lassen sofort alles, was von Wert und tragbar ist in Bündel packen. Dann versammeln wir alle Burgbewohner. Sie sollen sich reisefertig machen und nur das Allernötigste mitnehmen. Die Bündel mit den Schätzen werden auf die stärksten und vertrauenswürdigsten Leute verteilt. Späher auf den Mauern werden beobachten, ob sich draußen der Mob sammelt. Wenn ja, werden wir noch vor dem Morgengrauen diesen kleinen Verräter aus dem Kerker holen und uns von ihm den geheimen Gang zeigen lassen. Die schnellsten von uns könnten morgen Mittag schon beim Sitz des Bischofs angelangen. Dort werden sich alle sammeln.“

Ritter Wentzel hatte aufmerksam zugehört.

„Und dann“, setzte der Stadtherr grimmig hinzu, „werde ich eine Streitmacht aufstellen, die diese verdammte Stadt in Schutt und Asche legt! Ich werde diesen Lukas von Rossen jahrzehntelang im Kerker modern und einmal im Jahr öffentlich durchprügeln lassen!“

„Dann lasst mich mit ein paar Männern hier!“ bat der Ritter. „Ich will lieber im Kampf sterben, als mich wie eine Ratte durch ein Loch davonmachen.“

Der Burgherr runzelte die Stirn. „Nein, Wentzel, Ihr werdet mit mir kommen. Ihr habt mir den Treueeid geschworen und den fordere ich jetzt und hier ein.“

Die beiden Männer funkelten sich einen Augenblick an. Dann lachte Wentzel wieder und klopfte dem Burgherrn auf die Schulter. „Nun denn, dann lasst uns durch das Madenloch gehen und vom Bischofssitz aus eine Schlacht vorbereiten. An die Arbeit, es gibt viel zu tun.“

                                             *

Magnus saß im Kerker und wartete. Er starrte auf die armdicken Eisenstäbe seines Gefängnisses und die Minuten dehnten sich zu Stunden. Es gab keine Luken oder Fenster, nur eine Fackel brannte vor seiner Zelle in einer Wandhalterung. Er würde die Morgendämmerung nicht erkennen können. Bald verlor er jedes Zeitgefühl. Was passierte jetzt draußen, oben in der Burg und unten in der Stadt?

Plötzlich hörte er Schritte. Im Schein der Fackel erkannte er Ritter Wentzel.

Magnus sprang auf und trat an das Gitter. Wentzel näherte sich ebenfalls den Eisenstäben. Und obwohl keine Wachen in der Nähe waren, sprach der Ritter leise.

„Schau her, du dreckige kleine Ratte“, flüsterte Wentzel durch die Stäbe. „Wäre dir dies als Belohnung für deinen Verrat recht?“ Und er zog einen kleinen Gegenstand aus seinem Gürtel.

Magnus erschrak, als er die Goldmünze erkannte, die er Lukas von Rossen gegeben hatte.

„Damit hast du nicht gerechnet, was? Spazierst hier auf die Burg und glaubst, aus deinem Wissen Kapital schlagen zu können. Was hat dich umgestimmt? Wolltest du nur deine kleine Metze befreien und dich mit ihr und deiner Belohnung für den Verrat aus dem Staub machen? Das wird dir noch leidtun, das schwöre ich dir. Du bist des Todes, Magnus – so oder so!“

 

 

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