15.

Magnus erwachte aus einem Traum voller Schrecken und fuhr von seiner Schlafstatt hoch. Es war noch dunkel in der Hütte des Baumeisters, aber draußen dämmerte bereits der Morgen. Im Zwielicht stand still das Fässchen mit der Lunte und im Herd leuchtete noch ein Rest Glut.

Stöhnend bewegte Magnus seine Arme, die von der gestrigen Anstrengung heftig schmerzten. Er stand auf, fachte das Feuer wieder an und hängte darüber einen Kessel Wasser an den Haken. Ihn trieb die Unruhe, aber er musste sich stärken, bevor er sein Vorhaben begann. Das hatte ihm Lukas eindringlich angeraten: Ziehe nie hungrig oder durstig in den Kampf.

Aber mehr als einen heißen Kräutertrank und etwas Brot brachte Magnus nicht hinunter. Seine Nerven vibrierten. Er schwitzte und gleichzeitig fröstelte ihn. Schließlich hielt er die Spannung nicht mehr aus. Er versicherte sich, dass die Hütte von innen verriegelt war, nahm eine Laterne und stieg mit zitternden Knien in die Truhe.

Der geheime Gang kam ihm jetzt schon vertraut vor. Und als er meinte, erst weniger als die Hälfte des ersten Wegabschnitts gegangen zu sein, stand er schon vor dem Brunnen. Entsetzen packte ihn und sein eigenes Vorhaben nahm ihm den Atem. Er zögerte.

Und mehr, weil er es schon vier Mal getan hatte, als aus Entschlossenheit, stieg Magnus in das Brunnenwasser. Als er die Laterne auf die andere Seite brachte, zitterte er eher aus Angst als vor Kälte. Dann tastete er sich schwimmend an der Brunnenwand entlang. Hier irgendwo mussten eiserne Tritte sein. Nichts, da war nichts! Schon hatte er den Schacht einmal umrundet.

Ich erfriere, dachte er verzweifelt und vor seinem inneren Auge sah er sich als Leiche auf dem schwarzen Wasser treiben. Tränen schossen ihm in die Augen als er sich noch einmal entlang der glitschigen Mauer bewegte. Jetzt tastete er höher nach oben. Da! Seine Hand ergriff einen eisernen Bügel, der hoch über ihm aus der Mauer ragte. Wie sollte er sich bis da oben hinziehen? Aber da stieß sein gebeugtes Knie unter der Wasseroberfläche an ein weiteres Eisen. Er hatte den Aufstieg gefunden.

Mit aller Kraft zog er sich aus dem Wasser und verursachte damit ein lautes Gurgeln und Plätschern. Sein Herz stockte. Aber dann suchten seine Hände nach dem nächsten Bügel und so kletterte er hinauf, bis auf einmal nichts mehr zum Festhalten da war. Das Wasser aus seinen Kleidern tropfte geräuschvoll hinunter in den Brunnen. Er musste jetzt schnell sein.

Direkt neben sich befand sich ein dunkler Schatten und dort fand Magnus die Nische und darinnen ein Seil mit vier gebogenen Haken an einem Ende. Aus Angst, das Seil bei einem Fehlwurf zu verlieren, knüpfte er das freie Ende an einem Griff in der Wand fest. Er stieg so hoch er konnte hinauf und hielt sich mit einer Hand in Höhe seiner Knie am obersten Bügel fest. Er wog den vierfachen Haken in seiner freien Hand und fixierte über sich den dunklen, runden Brunnenrand. Dann holte er aus und warf das Eisen nach oben. Das Seil verursachte ein sirrendes Geräusch in der Luft, der Haken prallte mit hellem Klingen gegen den Rand des Brunnens und rutschte ab.

Magnus versuchte reflexartig das fallende Eisen zu fangen, ließ dabei den Bügel los, verfing sich im Fallen mit dem rechten Fuß im Seil und mit einem Ruck hing er kopfüber im Brunnenschacht.

Im ersten Moment wunderte sich Magnus, dass er nicht ins Wasser gefallen und auch nicht verletzt war. Fast erschien es ihm friedlich, so still dort zu hängen. Leise pendelte er hin und her. Ich hätte nicht so weit hinaufsteigen sollen, dachte er. Einen Moment lang ließ er seine schmerzenden Arme nach unten hängen.

Und dann nahm er alle Kraft die er aufbieten konnte zusammen und hob die Schultern so weit, dass er mit einer Hand den nächsten Bügel an der Wand und mit der anderen das Seil an seinem Fuß greifen konnte. Ächzend kam er wieder zum Stehen.

So schnell er konnte, knüpfte er mit eisigen Fingern das verhedderte Seil auseinander, stieg soweit hoch, dass er den obersten Griff in Schulterhöhe hatte und wog abermals den Haken in seiner freien Hand. Er schloss kurz die Augen, holte tief Luft und warf den Haken mit dem Ausatmen kraftvoll nach oben. Mit einem satten Klirren hakte sich das Eisen in den Brunnenrand.

Magnus jubelte innerlich, aber er verlor keinen Augenblick. Er griff mit beiden Händen das Seil, zog seinen Körper zusammen, so dass er es mit den Füßen einklemmen konnte und stieg dann Zug für Zug hinauf, bis er den Rand des Brunnens packen konnte. Ächzend schwang er ein Bein auf den Rand und kletterte endlich vollends hinaus auf trockenen, festen Boden.

Als er schwer atmend aufschaute, blickte er im Dämmerlicht des Kerkers direkt in die weit aufgerissenen Augen der Korbflechterin. Sie klammerte sich an die Gittertür ihres Gefängnisses und starrte ihn an.
„Anna!“ flüsterte er und legte seine Hände über die ihren.

„Oh, mein Gott, Magnus! Ich dachte der Teufel steigt aus der Tiefe heraus um mich zu holen.“

„Nicht der Teufel, Anna, aber ich hole dich hier raus!“ Hastig blickte er sich um. Er sah einen Treppenaufgang. Und tatsächlich: an der Wand hing ein schmiedeeiserner Schlüssel, der an einer Kette befestigt war. Die Kette war in der Wand verankert und gerade so lang, dass sie bis zum Schloss reichte. Langsam, um so wenig Geräusch wie möglich zu erzeugen, nahm Magnus den Schlüssel und öffnete das Schloss der Gittertür. Nachdem Anna aus ihrem Gefängnis getreten war, schloss er sofort wieder ab und hängte den Schlüssel zurück.

„Los Anna, wir haben keine Zeit. Tu einfach, was ich sage. Nimm dieses Seil hier und lass dich daran hinab. Am Ende des Seils findest du Griffe in der Wand. Steig an ihnen bis zum Wasser hinunter. Dort siehst du ein Licht, schwimm darauf zu und klettere in den Schacht. Wenn du dort bist rufe mir zu, aber nicht zu laut.“

Anna starrte ihn weiterhin nur an.

„Was ist?“ fragte Magnus ungeduldig. „Kannst du nicht schwimmen?“ Daran hatte er noch gar nicht gedacht.

„Doch ich kann schwimmen“, sagte Anna. „Aber, aber“, ihre Stimme verlor sich in ein Schluchzen. „Ich habe gedacht, du hättest mich vergessen!“

Einen ganz kurzen Moment nahm er sie in die Arme. Er sprach direkt in ihr Ohr. „Anna, du musst dich jetzt zusammenreißen, sonst kommen wir hier nicht raus. Vertrau mir! Steig in den Brunnen! Bitte! Wenn sie uns finden, wird es unser beider Leben kosten!“

Anna nickte, biss sich auf die Unterlippe und griff dann zögernd nach dem Seil. Zitternd kletterte sie über den Brunnenrand und mit einem hilfesuchenden Blick hielt sie sich krampfhaft an dem Seil fest, während sie langsam nach unten glitt.

Es dauerte eine Ewigkeit, bis Magnus ein leises Plätschern hörte. Wenig später klang dumpf ihre Stimme herauf: „Ich bin da!“

Rasch nahm er den Haken vom Brunnenrand und ließ ihn in die Dunkelheit hinunterfallen. Auf keinen Fall wollte er, dass jemand ihren Fluchtweg entdeckte. Sollten sie doch denken, die Gefangene hätte sich in Luft aufgelöst!
Und dann sprang er entschlossen in den Brunnen. Er fiel durch den dunklen Schacht und kam mit einem gewaltigen Platsch auf. Er hörte Anna im Gang aufschreien und kämpfte sich prustend wieder an die Oberfläche. Als er zu ihr in den Gang geklettert war, sah er ihrem Gesicht im Schein der Laterne an, dass sie Mut fasste.

Er lächelte sie zum ersten Mal an. „Du bist sehr tapfer, Anna! Was jetzt kommt ist nur noch ein Kinderspiel. Gib mir deine Hand!“

Und dann liefen sie, so schnell sie konnten durch den steinernen Gang.

„Wo gehen wir hin?“ rief das Mädchen hinter ihm.

„An einen sicheren Ort“ antwortete Magnus. Mehr wollte er in der Eile nicht erklären.

Endlich erreichten sie das Fenster zum Stadtgraben. Anna griff schon nach dem Riegel der Tür am Ende des Ganges.

„Nein, nicht da lang! Du musst noch einmal schwimmen, aber keine Angst, es kann dich niemand hören oder sehen. Steig ins Wasser und schwimm nur wenige Fuß rechts an der Wand des Grabens entlang. Dort findest du einen Eingang zu einem geheimen Versteck.“  

„Und du?“ fragte Anna. „Kommst du nicht mit?“

 „Ich kann nicht bei dir bleiben. Du musst eine Weile allein ausharren.“

Erschrocken blickte sie ihn an.

„Schau nicht so. Du bist frei, du wirst leben. Kein Scheiterhaufen! In dem Versteck ist alles, was du für die nächsten Tage brauchst.“

Anna umarmte ihn. „Ich danke dir Magnus. Ich danke dir so sehr!“

Magnus Herz füllte sich mit einem Leuchten. „Halte dich warm und trocken. Es wird alles gut werden. Und wir werden uns wiedersehen und dann zusammenbleiben.“

Und dann küsste er sie zum Abschied.

Nichts von allem, was er bisher erlebt hatte, war ihm so schwergefallen, wie jetzt Annas Hand loszulassen, als sie in den Wassergraben stieg. Aber er musste zurück bevor jemand merkte, dass die Gefangene verschwunden war.  

Eilig lief er durch den ersten Tunnel und kam am Brunnen an. Nichts war zu hören. Er fischte das Seil mit dem Haken aus dem Wasser und legte es wieder in die Nische zurück. Dann machte er sich auf in den zweiten Tunnel.
Als er endlich im Haus des Baumeisters angekommen war, sank Magnus vor dem Herdfeuer auf den warmen Boden. Er musste eine Pause machen, bevor er seinen zweiten Plan anging. Aber es war schon kurz vor Mittag, lange durfte er sich nicht ausruhen.

Magnus wusste, dass die Ritter zur Stunde an den geheimen Treffpunkten in der Stadt eintrafen und kurz vor der Abenddämmerung damit beginnen würden, heimlich das Volk zu sammeln und zum Kampf zu rufen. Schon bald würde es in der Stadt rumoren. Morgen früh sollte der Aufstand losbrechen.

Nach wenigen Minuten nahm er ein fertig gepacktes Bündel, das neben der Schlafstatt auf ihn wartete und schulterte es über die nassen Kleider. Noch einmal stand ihm ein Marsch durch den geheimen Tunnel bevor.

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